Mittwoch, November 28, 2007

Papa hats geschafft

Der Zeitpunkt ab dem ich wusste, dass es nun soweit sein würde - zog wie zeit- und raumlose Formen und Fäden an mir vorbei. Ich währenddessen befand mich in einem riesigen Vakuum von Nichts verzweifelnd versuchend irgendetwas greifen zu können.

Wir gaben Papa viel zu schlafen, damit er es nicht so merkt. Zwischendurch wurde er jedoch etwas wach. Wenn er sehr bei Bewusstsein war, war er so aggressiv wie zuvor - nur unheimlich kraftlos. Wenn er dämmerte nahm er am meisten wahr. Er sah und hörte zuletzt schlecht. Doch wenn er dämmerte dann wusste er trotz geschlossener Augen und obwohl wir leise flüsterten immer genau wer neben ihm stand und antwortete interessanterweise auch.

Einen Tag vor seinem Tod - Sonntag, etwa zur Mittagszeit, hielt ich seine Hand. Geschwächt versuchte er mit seinem Daumen ansatzweise mich zurückzustreicheln. Er sprach sehr verwaschen und dünn - doch er sagte mir: "Machs gut mein Kind!" Und dann nuschelte er etwas, dass ich nicht verstand - aber ganz deutlich hörte ich 16:40 Uhr!

Und auch meine Cousine hörte es. Ich war ganz aufgeregt und dachte, dass er nun sterben würde am Sonntag Nachmittag. Doch Sonntag sollte es noch nicht werden.

Am Montag Morgen riefen wir die Ärztin nach Hause - weil er extrem stark röchelte. Auch seine Füsse waren voller Wasser und plötzlich ganz dick obwohl er sonst so stark abgemagert war.

Wir hatten ein Absauggerät mit dem ich ihm am Morgen noch etwas Schleim aus dem Rachenbereich saugte.

Wir hatten beobachtet wie er im Dämmerzustand imaginären Leuten die Hand gegeben hatte und Tschüss sagte.

Dann schlief er - und seine Atmung stellte sich in die vor dem Tod üblichen Schnappatmung um.

Das ging dann noch über Stunden.

Viele Verwandte sind gekommen und mir war klar, dass heute der Tag ist, an dem ich alle von der Arbeit zu holen hatte die eine Rolle spielten.

Meine Mutter hatte für alle Brötchen besorgt und wir saßen am Esstisch. Abwechselnd gingen alle Verwandte nochmal einzeln zu Papa solange wie sie es brauchten und verabschiedeten sich.

Ich war auch noch eine halbe Stunde allein bei ihm und küsste ihn auf die Stirn und erzählte ihm weinend wie dankbar ich bin, dass er immer bei mir war. Dass ich ihm für alles danke, selbst für die Konflikte an denen ich gereift bin. Und dafür dass ich ihm zurückgeben durfte jetzt wo er so krank war und auch, dass ich mir keinen Tag ohne ihn vorstellen könne!

Aber auch dass es nun Zeit sei zu gehen, denn er hat einfach keinen Körper mehr zum leben. Und dass er sich keine Sorgen machen braucht - "es ist ok, wenn Du gehst".

In Anbetracht seines Alters von 59 Jahren fiel ihm das Loslassen besonders schwer. Vielleicht auch wegen uns Kinder.

Morgens als er zuletzt einigermaßen bei Bewusstsein war hatte er einen extremen Drang nach oben und wollte hinauf geholfen kriegen, obwohl er eigentlich schon viel zu schwach war.

Er nuschelte immer Dinge wie "Komm wir gehen - ich will weg hier", usw.

Ich hielt seine Hand und sagte ihm: "In Deinem Körper wird das nix mehr - geh ohne"!

Und dann wurde er irgenwann ruhig. Die Schnappatmung stellte sich wie gesagt ein und so atmete er noch einige Stunden.

Gegen 15:30 Uhr wurde ich extrem unruhig und musste ins Schlafzimmer gehen und setzte mich vor ihn auf einen Stuhl. Mein Onkel und meine Tante waren ebenfalls anwesend.

Irgendwann wurde sein Atem schneller als sei er aufgeregt und dann setzte der erste Atemaussetzer ein.

Ich dachte beim ersten Mal bereits er sei jetzt gestorben - aber dann nach etwa einer Minute fing er weiter an nach Luft zu schnappen.

Wir holten alle anderen aus dem Wohnzimmer ins Schlafzimmer.

Sein Bett steht mitten im Raum so dass wir rund herum einen Kreis bilden konnten mit neun Angehörigen hielten wir uns an den Händen und er lag inmitten unseres Kreises.

Vorher war der Raum extrem kalt - aber es wurde hochenergetisch und man spürte förmlich wie die Energie durch unsere Hände floss und alles warm wurde.

Wir alle atmeten mit ihm - fingen fast selbst an zu hyperventilieren, weil wir uns seiner Schnappatmung anpassten.

Sicher noch fast eine halbe Stunde standen wir so da. Bei jedem Atemaussetzer hofften und beteten wir dass er es nun geschafft habe - aber mehrmals kam er zurück. Gerade auch wenn jemand dann anfing zu schluchzen.

Wir versuchten dann ganz leise zu sein, damit er nicht mehr gestört würde und den Übergang endlich schaffen könne.

Dann starb er exakt zu seiner zuvor angesagten Uhrzeit am Montag den 26. November 2007 um 16:40 Uhr im Kreise seiner Lieben zu Hause.

Ich habe sein Sterben als wundervolles Geschenk erfahren. Es war eine wunderschöne Erfahrung. Wir wogen ihn liebevoll hin bis zum Tor der Ewigkeit.

Es war so ergreifend wie aufgeregt wir waren als er die Atemaussetzer bekam und wir mitatmeten - es schien fast wie eine Flugzeuglandung an dessen Ende man das Bedürfnis verspürt zu klatschen.

Denn er hatte es geschafft!

Aus Liebe freue ich mich und bin unendlich stolz, dass er den Schritt gewagt hat sein materielles Dasein zu verlassen. Denn sein Körper konnte einfach nicht mehr leben.

Und aus Liebe weine ich, denn kein Tag wird vergehen wo mich Papas Verlust nicht schmerzt.

Wir haben in unserem Kreis das Licht gespürt und es ist ein unglaubliches Geschenk dass ich Teil dieses Kreises sein durfte.

Freitag, November 23, 2007

Die Ruhe tritt ein

Was war das für eine Woche - voller Wahnsinn, Schmerz, Beleidigungen, Frechheiten, Strapatzen, Überforderung, Genervtheit, Kraftlosigkeit, Verwirrtheit, Wut und Liebe.

Denn die Liebe ist der Grund für all mein Handeln hier. Der Grund, warum ich mich immer wieder aufrichte, nachdem der Wind mich umgeknickt hat und warum ich nicht aufhöre weiter zu machen und zu geben.

Mein Vater hat immer gesagt - jeder bekommt das was er verdient. Und das stimmt.

Bei allem Leid - bekommt man gleichzeitig soviel geschenkt. Oft erkennt man es erst viel später- manchmal Jahre später. Aber wir können gewiss sein und das Vertrauen behalten, dass die Waage bleibt.

Wenn wir es eine zeitlang anders empfinden, sind es nur wir selbst die uns das Leben schwer machen. Je mehr Du versuchst mit zu schwimmen im Strom der Liebe, desto mehr Glück und Freiheit kannst Du inmitten des größten Tumults und Leids empfinden.

Aber jede Prüfung und Herausforderung im Leben als einfach zu empfinden - dazu sind wir nicht hier. Wir sind hier, weil wir genau an dem Schmerz wachsen müssen und wenn Du weisst - Deine Lebensprüfung geht zu Ende und Du hast sie geschafft ist das besser als alle weltlichen Prüfungen wie Abi und Berufsabschluss zusammen! Es ist einfach alles vollkommen richtig. Selbst der Schmerz! Das bedeutet im Einklang zu sein - mit sich und der Umwelt.

Nicht, dass es deshalb einfacher wäre - aber im Gleichgewicht zu sein ist so vollkommen!

Ich habe die letzten Tage gebrüllt und geschrieen - ich habe mich mindestens genauso aufgebäumt wie mein Vater selbst vor dem Tod.

Ich habe um Hilfe nach den Engeln gebrüllt und geschrieen dass ich nicht mehr kann und dass meine Kraft jetzt am Ende ist.


Und jetzt nach alle dem - kehrt die Ruhe ein. Es ist soweit!

Fassungslos stehst Du da und spürst wie der Tod ins Zimmer tritt.

Und plötzlich wandeln sich alle Genervtheit und Überforderung in Liebe.


Und Du stehst da und bist einfach erfüllt von Liebe - in all dem Schmerz.


Das ist so ein Geschenk und ich bin so dankbar, dass ich dies erfahren darf.

Papas Leid ist zu groß jetzt. Er röchelt und brodelt beim atmen. Aber ansonsten verläuft sie ruhig und recht gleichmäßig.

Seit gestern wird auch nicht mehr getrunken. Am Körper haben sich weitere aussen sichtbare Tumore gebildet und einige Stellen sind nun bläulich verfärbt.

Rücken und Schultern sind jetzt auf gegangen.

Es tut so weh - das ist mein Vater. Wenn ich Dich ansehe - mein über alles geliebter Vater.

Seit gestern ist auch das Gesicht stark eingefallen und die Schwester hat heute

präfinales Stadium
auf das Berichtsblatt geschrieben.

Es ist soweit. Wie unfassbar. Seit gestern steh ich neben mir - erspüre mich wie im Film.

Aber mein Herz ist offen und voller Licht und Liebe.

Das sind die treffendsten Worte dafür - anders ist das Gefühl nicht zu beschreiben welches ist fühle!

Ich kann es kaum fassen - dass ich es tatsächlich geschafft habe. Es zerkrampft mir das Herz wenn ich darüber nachdenke, dass es nun vorbei ist durch all die Anspannung eines Jahres...

Ich habe es tatsächlich geschafft über ein Jahr hinweg ihn alleine zu Hause zu behalten. Es war sein Wunsch zu Hause zu sterben und er war nicht einmal im Krankenhaus.

Ich habe es geschafft - soviel Liebe und Licht habe ich gegeben und statt leer zu sein (so fühlte ich mich die letzten Tage) bin ich nun vollkommen erfüllt davon.

Inmitten von größtem Schmerz empfinde ich Glück und Freiheit.

Meine Prüfung ist hiermit bestanden - das fühle ich so sicher wie noch nichts zuvor im Leben.

Und vor etwa einem halben Jahr sagte mir ein lieber Professor aus meinem Studium, bei dem ich ein Seminar über Sterben, Tod und Trauer besuchte, dass es reicht miteinander zu atmen und die Botschäften kämen dann schon allein vom Universum.

Ich war die ganze Zeit zu verwirrt und Papa war noch zu laut um das zu fühlen. Doch jetzt wo er die meiste Zeit weggetreten ist in einem Dämmer - Schlafzustand (sicher auch durch mehr Valium) weiß ich alles was er braucht. Ich weiss es einfach - als wäre es das Natürlichste von der Welt. Welches Geschenk miteinander zu atmen! Selbst durch die Hand die seine hält strömt Liebe - ohne Worte.

Welche Schönheit sich Dir in diesem Schmerz offenbaren kann ist unbeschreiblich!

Bevor er gestern Abend einschlief und nachdem er soviel mit mir geschimpft hatte und so unzufrieden mit mir war - sagte er mir, dass er mich doch immer lieb hat und ich doch sein Engelskind bin. Er nannte mich schon immer Engelskind.

Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn auch lieb habe und es jetzt Zeit ist und er gehen kann. Und mein Stiefbruder hats auch gepackt - wir haben Tschüss gesagt.

"Du kannst aufhören zu kämpfen - es ist in Ordnung wenn Du jetzt gehst."


Ein Jahr - und nun naht das Ende!


PRÜFUNG BESTANDEN!

Mittwoch, November 14, 2007

Zwänge

Ich weiss noch nichtmal wo mir der Kopf gerade steht und finde daher keine Worte. Ich bin so überbelastet mittlerweile - ich pfeife auf meinem letzten Loch. Meine Erkältung die letzte Woche schon besser war, ist plötzlich wieder schlimmer und ich muss sagen - mir geht es einfach nur beschissen!

Beim Vortrag über Nahtoderlebnisse war ich natürlich nicht - sowas ist mir zur Zeit nicht vergönnt.

Anders kann ich derzeit nicht sagen. Es ist soviel Chaos, Leid und Wahnsinn - ich weiss schon nicht mehr welche Rolle ich in diesem ganzen Affentheater spiele?

Vorallem die psychische Belastung macht mir mittlerweile zu schaffen, neben all den alltäglichen Dingen wie Bankgeschäfte, Einkäufe, Rentenantrag usw. was für meinen Vater weiter laufen muss und was ich nun doppelt erledige, denn mich gibts ja (fast unglaublicherweise) auch noch.

Und dann nicht nur die psychische Belastung der Tatsache DASS Papa stirbt, sondern auch das WIE Papa stirbt. Es ist Wahnsinn -

- im wahrsten Sinne des Wortes.


Mein lieber Vater - wo bist Du hin?

Wo bist Du, der immer Verständnis für mich hatte? Der mir zuhörte und mir Ratschläge gab? Warum ist nichts mehr davon zu erkennen? Es ist als ob Deine Person ausgewechselt sei - schon jetzt.

Und im Schmerz des Abschieds wird mir klar - dass Du schon lange fort bist. Das was geblieben ist, abgesehen von der schmerzenden Hülle des Körpers, ist nicht mehr das, was ich kannte. Selbst Deine Seele ist nicht mehr die die ich kannte.

Das schockiert mich zutiefst.

Wie kannst Du mich, wo Du Dich doch immer so um mich gesorgt hast, zwingen wollen Dir immer mehr Schmerzmittel zu geben? Ich hätte Dir das Ketanest nie spritzen dürfen, das war der Freifahrtsschein für Dich, mich dazu zwingen zu wollen.

Du weisst ja garnicht wie fertig ich bin. Wie kaputt, wie müde, wie seelisch und körperlich erschöpft. Und es ist gemein von Dir, bei allem Verständnis für Deinen Schmerz mich so unter Druck zu setzen. Mir zu sagen, dass wenn ich Dir nicht mehr Schmerzmittel spritze, dann würde ich Dich nicht lieben. Oder dann würdest Du dem 18-jährigen Stiefbruder sagen er solle es machen und ob ich das dann verantworten will?

Mich 1000 Mal anzurufen, meinen Freund anzurufen als Du von mir ein klares Nein erfuhrst - aber Du trotzdem keine Hilfe durch Ärtze und Notdienste haben wolltest?

Ich bin froh, dass ich trotzdem den Bereitsschaftsdienst des Pflegedienstes nachts um 23 Uhr gerufen habe, ich sah keine andere Möglichkeit mehr.

Dann bekamst Du mehr Schmerzmittel - doch die reichen Dir nicht. Du willst noch mehr und mehr. Und die Ärztin ist auch mittlerweile der Ansicht dass das psychisch bei Dir ist, denn Du bekommst schon soviel - Du bekommst schon 200 mg Ketanest. Wieviel willst Du noch? Du sollst keine Schmerzen haben - aber müssen wir nicht eher den Schmerz Deiner Seele heilen? Doch wie - Du bist einfach nur wahnsinnig. Wie oft beschimpfst Du mich jetzt wüst - beschimpfst mich als Arschloch usw usw - meinst Du das wirklich ernst.

Ich weiss dass Du es nicht ernst meinst und dass es vermutlich an Deiner Krankheit liegt - aber es macht mich fertig.

Du mich gestern noch bis 2 Uhr nachts beschäftigt! Warum bist Du so aggressiv und wo kommt denn Dein plötzlicher Kontrollwahn her?

Dauernd müssen wir nun mit dem Zollstock den Pegelstand der Infusionsflasche messen. Das muss jetzt eingetragen und auf einem Zettel mit Uhrzeit dokumentiert werden. Auf Deinem Bett muss ein bestimmtes Regelwerk liegen - Die Handtücher müssen exakt mit der "Rundphase" weiss der Geier was das ist, übereinander gefaltet auf Deinem Bett liegen?

Als ich dann um halb drei endlich zu Hause im Bett lag, klingelte das Telefon wieder sturm und Du warst dran. Du musstest wissen wie das Schmerzmittel heisst und es konnte nicht bis zum nächsten Morgen warten? Schläfst Du eigentlich überhaupt noch? Du bist immer wach. Du nimmst auch keine Rücksicht mehr, weder auf mich noch auf Dein weiteres Umfeld. Was ist denn nur geschehen?

Dein Verhalten ist neurotisch und aggressiv. Ich wollte Dir ermöglichen zu Hause zu sterben, aber wenn das so weiter geht - ist das für mich/uns nicht mehr schaffbar.

Bei aller Liebe - wo hat das seine Grenze? In wieweit erfüllt man dem Sterbenden Wünsche und ab wo geht der Wahnsinn los?

Heute Abend kommt die Ärztin und stellt Dich neu ein - mit Ketanest, Diazepam - und ab heute Abend sollst Du noch Haldol bekommen.

Es tut mir leid, denn Du weisst noch nichts davon. Es tut mir so leid, dass ich Dir Haldol antun muss - ich schaffe es einfach nicht mehr.

Es schmerzt mich so sehr, dass unsere normalen Gespräche vorbei sind - ein für allemal in diesem Leben!

Dienstag, November 13, 2007

Zerstörerische Liebe Teil 2

Liebe zerstört nicht. Wenn sie verletzt - dann nur, weil die Seele selbst verletzt ist. Sie ist ein Aufschrei nach Hilfe und bittet um Befreiung. Dabei spielt es keine Rolle ob Körper oder Seele schmerzen....

Gestern tobte mein Vater weiter. Nicht so sehr gegen mich - gegen die ganze Welt. Sein Schmerz sei unerträglich (scheinbar reichen die 3 Ampullen Ketanest nun auch nicht mehr...!)

Er schrie, weinte und winselte - es könne doch nicht sein, dass man hier unter Schmerzen sterben muss?

Nein - das muss nicht sein!

Ich fuhr zur Ärztin und bekam von ihr die Erlaubnis 1 Ampulle Ketanest in die Spritze aufzuziehen und oben in seine Infusion zu geben. Das tat ich - allerdings stellte sich das dann als großer Fehler heraus - denn plötzlich schrie und brüllte er mich an, weil er noch mehr Schmerzmittel von mir bekommen wollte...!

Also rief ich die Ärztin an und sie kam abends noch vorbei. Weil er so tobte mit rotem Kopf und schrie und brüllte - gab sie ihm Valium.

Dann schlief er endlich!

Mal sehen wie es jetzt ist - eigentlich möchte ich heute Abend zu einem Vortrag über Nahtoderlebnisse fahren?

Ich bin gespannt was der Tag für mich bereit hält!

Montag, November 12, 2007

Zerstörerische Liebe

Klingt seltsam - zerstörerische Liebe. Wo Liebe doch immer alles heilt - so wie es heisst.

Und doch kennen wir sicherlich alle die Liebe die auch enttäuscht. Die Liebe die verletzt. Die Liebe die uns einsam und unverstanden fühlen lässt.

Was ist das dann für eine Liebe? Gehört das einfach auch dazu? Muss es vielleicht das Gleichgewicht halten?

Es ist sehr schwer sie zu ertragen. Immer wenn wir verlassen werden und enttäuscht - sind wir mit ihr konfrontiert.

Es ist verwunderlich - doch man kann sogar von Sterbenden auf ihrem Sterbebett verlassen werden, während man gerade dabei ist ihren Urinbeutel zu entleeren.

Das kann eine sehr schmerzliche Erfahrung sein.

Es ist seltsam und überhaupt nicht zu erklären. Ich weiss nicht ob es an seinen Medikamenten liegt oder an seiner Krankheit. Aber scheine ich seit etwa 3 Tagen als Projektionsfläche für alle Enttäuschung und Wut des Lebens zu dienen.

Es scheint, als hasse er mich. Er liegt im Bett, schwach wie er ist - und tobt mit rotem Kopf und brüllendem Hals, als sei ich sein Erzfeind Nr. 1.

"Jetzt habe er mich endlich kennen gelernt - und er dankt Gott dass er auf seine letzten Tage mein wahres Gesicht noch sehen darf."

Wenn ich doch nur wüsste, was vorgefallen ist? Ich kann mir noch nichtmal erklären wo das herkommt?

Das Ganze ging Samstag Abend los - als ich meinen Stiefbruder und seine Freundin wegen ihres 18. Geburtstages zum Essen beim Chinesen einlud.

Wir waren um halb acht verabredet. Mein Vater schien, aggressiv wie er war, absichtlich schon dagegen zu arbeiten, indem er doppelt so viel Belange plötzlich auf die letzten Minuten noch hatte wie sonst. Er beschäftigte uns regelrecht mit Aufträgen die sich noch eine halbe Stunde lang zogen - und mein armer Freund in der Zeit im Auto unten wartete.

Irgendwann sagte ich, dass mein Freund ja unten im Auto wartet - und darauf hin fing er an zu brüllen, dass ich meine alle springen gleich wenn ich komme. Und das kennt er auch von seiner Exfrau. Diese Art - jetzt zeige ich ihm mein wahres Gesicht.

Und warf 1000 erledigte Geschichten durcheinander. Wärmte eine Streitsituation von vor 5 Jahren wieder auf - warf die aber auch durcheinander mit der Handlungsweise seiner Exfrau von vor 30 Jahren.

Und brüllte und schrie und hyperventilierte. Ich war völlig überfordert - ich dachte sein Herz bleibt jeden Augenblick stehen durch diese Aufregung. Jedoch konnte ich nichts dran ändern, denn ich tat ja nichts.

Also dachte ich, weil er sich durch meinen Anblick immer schlimmer reinsteigerte - es sei das Beste wenn ich das Zimmer verlasse.

Das tat ich dann auch - er tobte jedoch dann über meine Ignoranz - was ich auch verstehen kann und was mir auch ein schlechtes Gewissen bereitet - doch denke ich das es das Beste war, denn nach 5 Minuten ausschimpfen beruhigte er sich dann allmählich.

Gestern hoffte ich, dass er sich nun wieder beruhigt habe und alles wieder normal sei. Als ich dann mit ihm sprach merkte ich aber schnell, dass er scheinbar immer noch der Ansicht war - ich sei ein fürchterlicher Mensch und er habe mein wahres Gesicht jetzt endlich gesehen...!

Ich werde gleich wieder hinfahren und mir das ansehen. Ich weiss nicht wirklich wie ich damit umgehen soll im Moment?

Das ist ziemlich verletzend - gerade in einer Zeit, in der ich ihm von Herzen zurückgeben möchte.

Freitag, November 09, 2007

In der Ruhe liegt die Kraft

Ich habe jetzt über eine Woche nicht mehr geschrieben. Ich habe nicht mehr geschrieben weil alles ruhig war. Ich wurde sogar ein paar Tage lang zu meiner Ruhe gezwungen in dem ich eine dicke Erkältung bekam und mich mit Halsschmerzen und Fieber herumschlug.

In dieser Zeit habe ich zwar immer noch für meinen Vater erledigt was möglich war - aber ich habe vorrübergehend das was andere machen konnten auch mehr auf andere Leute verteilt.


So lief das alles einigermaßen.


Die Schmerzen waren gut eingestellt und das war schonmal wirklich beruhigend. Die Krankheit an sich erschien deshalb nicht mehr ganz so akut. Er aß Haferschleim und trank Astronautenkost und entwickelte im Laufe der Woche eine Leidenschaft für Actimel. So sehr dass ich mir schon fast überlegte mit Actimel einen Vertrag abzuschließen.

Zum Ende der Woche jetzt wurde es immer mehr - dafür wurde anderes wieder weniger. Haferschleim ist er nicht mehr - es bereitet ihm nun Bauchschmerzen. Er trank 1 Päkchen Astronautenkost und "ungelogen" 40 Actimel pro Tag. Actimel ist zu seiner Haupternährung geworden. Alle 2 Tage kaufe ich also 80 Fläschchen Actimel im Geschäft. Etwas doof kam ich mir schon vor bei der Masse - jedenfalls dachte ich, dass der Umsatz bei dieser Menge spürbar gestiegen sein musste.

So lief es die letzten Tage recht ruhig. Ich habe schon befürchtet, dass mir eine Zwangspause nur vergönnt war, weil dies die Ruhe vor dem Sturm werden sollte.

Heute war es fast unbeschreiblich. Unbeschreiblich anstrengend und ich fühl mich gerade fix und fertig.

Nachdem ich heute früh mir Badewasser eingelassen und es nach einem Anruf von meinem Vater sofort wieder abgelassen hatte - bin ich froh, dass ich jetzt um 18 Uhr heute Abend endlich mal dazu kam, mein Bad nachzuholen, was zu essen - was auch den ganzen Tag nicht geschafft wurde und kurz zu verschnaufen. Gleich werde ich wieder hin fahren müssen.

Aber heute - war es wirklich eine Farce.

Alles ging los heute früh mit der Schreckensnachricht, dass er schon die ganze Nacht versuche zu pinkeln, aber nichts mehr hinaus fließen will. Der Primärkrebs ist ein Prostatakarzinom was anschließend in die Knochen metastasiert ist. Jedenfalls liegt es sehr nahe, dass das Prostatakarzinom dafür verantwortlich ist, wenn die Harnröhre abgeklemmt ist wodurch kein Urin mehr fließen kann.

Ich habe also sofort bei der Hausärztin angerufen - sie betreut ihn hauptsächlich zu Hause und versorgt ihn auch mit seinen Schmerzmitteln. Wir sind mit der Hausärztin sehr zufrieden, weil sie palliativ drauf ist und es ihr um den Sterbenden geht und es nicht, wie sonst leider häufig üblich in diesem Land, heisst - das Krankenhaus sei die einzige Lösung.

Nachdem ich ihr das Problem mitgeteilt hatte, riet sie mir sofort den Urologen zu verständigen der einen Katheter legen würde.

Das tat ich und der Urologe versicherte mir gegen 11:45 Uhr das "gleich" jemand raus kommen würde.

Aus dem "gleich" wurde ein unglaubliches Drama. Niemand kam - und niemand war mehr über die Mittagsruhe zu erreichen. Weder die Hausärztin zunächst, als auch der Urologe. Irgendetwas war schief gelaufen - soviel war mir sicher.

Nachdem die Schreie meines Vaters vor Schmerzen, weil die Blase natürlich immer voller und voller lief aber nichts mehr hinaus konnte, immer lauter wurden und sein Flehen immer dringlicher und ich fast non Stop versuchte die Praxen telefonisch zu erreichen, überlegte ich mir sogar den Notarzt zu rufen.

Allerdings war mir nicht ganz wohl und ich versuchte die Situation abzuwägen, denn ich hielt es für sehr wahrscheinlich dass der Notarzt ihn mit ins Krankenhaus nehmen würde. Der Transport ist nicht wirklich zumutbar mit seinen Knochenmetastasen und das sollte wirklich nur als allerletzte Notlösung erfolgen.


Irgendwann schrie ich zu den Engeln, sie mögen doch bitte jetzt sofort etwas tun!!!


Dann geschah das Wunder - die Hausärztin rief noch mal zurück! Ich bat sie zu kommen - allerdings könnte sie keinen Katheter legen weil durch das Prostatakarzinom könnte es sein, dass man mit den Gewöhnlichen garnicht durch kommt. Sie sagte mir, dass sie kein Auto habe und es in der Werkstadt sei - worauf ich mich dann dazu entschloss sie persönlich in ihrer Praxis abzuholen.

Als ich sie geholt hatte, konnten wir meinem Vater aber schonmal in so weit helfen, als dass sie durch die Bauchdecke direkt in die Blase eine Kanüle schob wodurch etwas Urin abfließen konnte und die erste Erleichterung schonmal gewährleistet war.

Dann irgendwann folgten noch ein paar Gespräche mit dem Urologen und einem Pflegedienstmitarbeiter, der dann irgendwann so gegen 16 Uhr eintrudelte und endlich den gewünschten Katheter setzte. Dann musste ich noch mit zur Praxis fahren und die Urinbeutel fürs Wochenende holen.

Darauf hin bin ich wieder zu meinem Vater und schloss dann den Urinbeutel an.

Und dann gegen 17 Uhr kehrte endlich etwas Ruhe ein - ich habe ihm gesagt, er solle versuchen eine Runde zu schlafen. Denn ich musste noch in der Apotheke Besorgungen erledigen und bin jetzt gerade froh dass ich frisch gebadet hier mir von der Seele schreiben kann was mir auf ihr brennt.

Jetzt werde ich noch etwas essen und dann wieder nach ihm sehen - mal sehen ob der Tag dann heute rum ist oder schon das nächste Abenteuer wartet...!

Montag, Oktober 29, 2007

Hauptsache gesund!

Was mich immer wieder wundert ist, dass es in all der schwierigen Zeit genauso gut auch sehr lustige Momente gibt. Sie sind so herzlich lustig, wie ich es kaum glauben kann. Am Freitag hatte es den Anschein, dass mein Vater seinen Tod nun akzeptiert und auch ich stark genung war das Licht und die Liebe fließen zu lassen. Durch die hohe Dosis an Schmerzmitteln hat er teilweise Wortfindungsstörungen und ist etwas daneben (obwohl krasse Halluzinationen wie angfangs hat er zum Glück nicht mehr)!

Im Großen und Ganzen ist er schon orientiert. Am Freitag war es so lustig, weil er uns erzählte, dass es egal sei wenn er stirbt. Er betonte immer wieder, dass er jetzt mit den Schmerzmitteln gut eingestellt sei und keine Schmerzen mehr habe (das ist auch ein sehr beruhigendes Gefühl für mich) und dass er sich jetzt wohlfühlt. Er sei jetzt an einem Wendepunkt, sagte er, entweder er wird jetzt wieder gesund und es geht aufwärts oder es geht jetzt abwärts und er stirbt. Aber dann möchte er es schnell.

"Und wenn ich sterbe", sagte er, "dann ist das auch egal - denn ich fühle mich wohl und es ist alles suuuuper hier!"

Und mir kam meine Antwort darauf: "Ja, das ist ja dann die Hauptsache!" selbst so absurd vor, dass ich nur noch lachen konnte. Freitag war ein schöner Tag.

Am Samstag ist die Großmutter meines Freundes 90 geworden und hat groß gefeiert. Ich wollte zuerst nicht mit, weil ich Papa nicht allein lassen wollte, aber er bestand darauf, dass ich mit gehe. Ich denke er bekommt ein schlechtes Gewissen wenn ich jetzt nur noch für ihn da bin und diese Vorstellung findet er unerträglich. Also ging ich mit und es war ganz nett und ein bisschen Abstand haben mir auch sicher gut getan.

Eigentlich ist die Großmutter noch recht fit. Immerhin so fit, obwohl sie auch gerade mit dem Laufen Probleme hat, dass sie auswärts Geburtstage feiern kann. Und es ist interessant, dass ihre beiden Kindheitsfreundinnen, auch allesamt um die 90, noch leben und ebenfalls anwesend waren.

Doch an diesem Abend sagte sie zu mir etwas, was mich zum nachdenken brachte.
Sie sagte: "Alt werden ist nicht schön!"

Das ist traurig. Es ist traurig, dass alt werden oftmals als nicht schön empfunden wird. Ich dachte natürlich sofort über die Konsequenz nach. Die Konsequenz von nicht alt werden ist jung zu sterben. Wie gerne sicher diejenigen die in jungem Alter mit schwerer Krankheit konfrontiert werden, älter werden würden.

Mir tut das leid. Das Wichtigste überhaupt ist wirklich dass man sich wohlfühlt.

Es ist noch wichtiger als das man gesund ist. Der Körper ist nur unsere Hülle. Wenn er zu alt oder zu krank ist, ist es immer furchtbar. Vermutlich spüren diese Menschen dann, dass der Körper keinen Raum und keinen Platz mehr für sie bietet. Jedenfalls nicht den Angemessenen. Im Grunde ist es das Beste da einfach zu vertrauen und das göttliche Licht und die Liebe durchströmen zu lassen. Wichtiger als dass der Körper heil wird, ist, dass die Seele heil wird.

Von daher war meine Antwort an meinen Vater: "Das ist ja dann die Hauptsache!" garnicht so absurd.

Wenn Deine Seele sich wohlfühlt, gehts Dir gut, selbst wenn Du stirbst.

Freitag, Oktober 26, 2007

Manche Tage sind anders



Wie ich in den letzten Einträgen schrieb, ist die größte Herausforderung sein Herz offen zu halten. Jederzeit! Das erfordert von einem Selbst ständige Reflexion und Arbeit an sich selbst.

Die Sterbephasen von Elisabeth Kübler-Ross zeigen in welchen innerpsychischen Konflikten der Sterbende sich bewegt und versucht SEIN Problem zu meistern.

Sicher, wir als Angehörige und Hinterbliebene haben auch unsere Probleme damit. Besonders das Loslassen bedeutet einen großen Konflikt in uns. Aber selbst zu akzeptieren dass man gehen muss, wenn man noch garnicht so weit ist und noch einem Mann, wie im Falle meines Vaters, mit Ende Fünfzig 1000 Dinge einfallen, die noch unerledigt sind, führt dazu, dass auch häufig eine gewisse Aggressivität oder Zurückweisung vom Sterbenden ausgeht. Denn er muss auch loslassen, sein ganzes Leben.

Klar dass er sich da auch von mir trennen muss gefühlsmäßig. Und ich mich von ihm. Besonders kompliziert wird diese gekünzelte Ablösung, die so dringend nötig ist, dadurch dass unser Verhältnis seit Jahren (damals in umgekehrter Rollenverteilung) nicht mehr so intensiv war wie gerade jetzt in diesem Moment.

Ich bin jeden Tag da. Viele viele Stunden. Ich helfe ihm bei allem was er braucht und versuche die Kraft zu finden ihm die Hand zu halten und offen zu bleiben. Aus irgendeinem Grund bin ich aber der Mensch, über den er sich am meisten zu ärgern scheint. Er meckert unentwegt. Wirft mir verschiedene Dinge vor, so z.B. dass ich als Einzige ihm nie etwas erzähle. Andere die zu Besuch kommen, erzählen ihm immer so schön etwas, was sie vor haben und was sie gemacht haben.

Ich bin davon wirklich überfordert. Denn ich tue ja garnichts anderes mehr als für ihn da zu sein. Was sollte ich ihm da erzählen? Dass ich nachts wach werde und Heulkrämpfe bekomme weil er bald stirbt? Dass ich von morgens bis abends beschäftigt bin (und dies jetzt wohlgemerkt gern tue, denn er hat es verdient zurück zu bekommen schon viele Jahre bevor er krank wurde) und derzeit meine Dinge etwas auf der Strecke bleiben? Vermutlich liegt das daran dass ich kein Besuch bin. Es ist einfach sehr schwierig. Mir fällt absolut nichts ein, was ich ihm erzählen könnte? Und dass mir nichts einfällt setzt mich auch schon wieder enorm unter Druck.

Seit ein paar Tagen ißt er wieder Haferbrei. Er hat 14 tagelang nichts gegessen und doch hat die Erhöhung vom Ketanest auf 3 Ampullen täglich jetzt dazu geführt dass es einigermaßen auszuhalten ist. Somit auch für mich, denn diese "Bein kann so nicht liegen und kannst Du das nicht etwas knicken und fünf Minuten später wieder gerade machen" - Aufträge waren schon sehr belastend für mich, weil es eigentlich nie half.

Das ist jetzt besser. Jetzt kann das Bein ne Weile so daliegen. Aber jetzt belastet sein Gemeckere - besonders gegen mich. Ich gebe ihm die Hand "Boah ist die kalt das tut ja schon weh" und "Der Haferschleim ist zu dünn, zu dick und bla bla bla" und dann alles in einem so vorwurfsvollen Ton als würde ich ihn mit Absicht auf seine letzten Tage noch ärgern wollen..., ist nicht gerade einfach.

Diese Zurückweisungen tun ganz schön weh. Besonders wenn man es gut meint und helfen möchte und dann alles falsch macht.

Ich habe es in der vergangenen Woche schon geschafft mich in so weit weiter zu entwickeln dass ich nicht mehr das Zimmer schreiend verlassen will. Ich könnte bei ihm sein, wenn er es denn nun möchte. Seit Tagen liege ich händehaltend neben ihm und lasse mich stundenlang von ihm ausschimpfen.

Denn die Sache ist ja die, wenn ich ihn hierin allein lasse, ist es gleichzeitig das Schlimmste was ich uns antun könnte. Er braucht mich ja, er will mich ja an seiner Seite und scheinbar tut es ihm so unendlich weh, dass ich soviel für ihn mache, dass er ein schlechtes Gewissen bekommt und sich dieser innere Konflikt am einfachsten lösen lässt wenn er es vorzieht seine Liebe durch Schimpferei auszudrücken.

Ich bin mir darüber im Klaren.

Und weil ich mir darüber im Klaren bin schaffe ich es auch die meiste Zeit Verständnis für seine Situation zu haben und ihr mit Liebe zu begegnen.

Wenn nicht, ja wenn nicht im Leben einer Frau einige Tage anders wären als andere.
Und man während dieser Tage nervlich nicht ganz so auf der Höhe ist wie sonst.
Dann wird es besonders kompliziert.

Vorgestern habe ich wieder neben ihm gelegen um mich ausschimpfen zu lassen. Doch nach einer gewissen Menge an Vorwürfen und Zurückweisungen hatte ich mich plötzlich nicht mehr im Griff und fing an zu weinen. In seinem Beisein. Im Allgemeinen begegne ich ihm ruhig und freundlich und nicht hektisch und hysterisch - aber plötzlich fing ich an zu weinen - und dann artete die ganze Situatiion komplett aus, weil er sofort Schuldgefühle bekam. Schuldgefühle für seine Situation und meine Situation! Das Schlimmste war eingetreten was nur eintreten kann. Hilfe - wie komme ich aus dieser Nummer wieder raus?

Ich rannte hinaus und das war besonders gemein, denn er konnte mir ja nicht hinterher. Also fing auch er an zu weinen. Ich ging dann wieder zurück. Schnaufend -mit aller Bitte an meine Engel meine Kraft jetzt und sofort aufrecht zu erhalten. Und er sagte mir, ich hätte ja bald meine Ruh - er lebe ja eh nur noch ein paar Tage...! Oh wie schlimm war das. Doch nicht so - so sollte doch nicht unser Abschied sein?

Ein Leben im Abschied ist ganz schön kompliziert, vor allem an einigen Tagen.

Seit dem er ganz ans Liegen gekommen ist, habe ich mich vielleicht etwas zu sehr übersehen. Mir ist klar geworden, dass ich bei all dem Kummer und der Angst und der Unruhe ihn zu verlassen, dennoch ein paar Momente für mich haben muss. Manchmal reicht ein kurzer Spaziergang oder ein Kaffee oder Tee in Ruhe. Oder einfach die Zeit in der ich dieses Blog schreibe.

Diese Zeit tut mir sehr gut. Teilweise hat er mir Vorwürfe gemacht dafür, dass ich ja nie da sei. Manchmal auch wenn ich Dinge für ihn erledigte oder versuchte meinem Leben im Studium gerecht zu werden.

Ich brauche Erholungsmomente für mich, sonst bin ich garnicht fähig mein Herz offen zu halten. Beim besten Willen nicht.

So bin ich gestern auch wieder zum Pilates gegangen. Seit Wochen war ich nicht dort, zu groß war meine Unruhe gewesen.

Es ist alles ein Prozess - aber in der Ruhe liegt die Kraft. Nur sie zu finden ist nicht immer so ganz leicht.

Und so habe ich auch an dieser furchtbaren Eskalation wieder etwas gelernt.

Vielleicht er auch, denn seit gestern hat er mich scheinbar wieder etwas lieber! :)

Freitag, Oktober 19, 2007

Leidleben

Unerträglich zerreisst es mir das Herz Dich so leiden zu sehen. Wie lange muss ich es noch sehen - wie lange musst Du noch so liegen?

Die Ärztin war eben nochmal da - auch sie konnte es nicht mit ansehen und sie hat seine Medikation wieder erhöht und ihm gleich in die noch vorhandene Infusion noch eine weitere Ampulle Ketanest gespritzt. Jetzt bekommt er 3 Ampullen Ketanest und 0,75 Diazepam! Ich hoffe er schläft jetzt ein wenig.

Manchmal schafft er es garnicht richtig einzuschlafen vor Schmerzen. Der Krebs scheint sich jetzt explosionsartig zu vermehren. Vor zwei Tagen bekam er erst auf 2 Ampullen Ketanest erhöht und gestern war es besser mit den Schmerzen - heute ist es wieder schlimmer.

An den Ellenbogen und am Knie haben sich jetzt Beulen gebildet durch die Knochenmetastasen. Im Kopf scheint auch etwas zu wachsen was jetzt seit einigen Tagen Hör- und Sehnerv abdrückt.

Eine falsche Bewegung und selbst das Hand halten schmerzt ihn auch. Auch wenn ich kalte Hände habe schmerzt es ihn. Komischerweise habe ich die letzten Tage immer kalte Hände. Mein Energiehaushalt stimmt überhaupt nicht. Sonst waren sie immer warm durch regelmäßiges Qi Gong üben oder Reiki geben. Seit einigen Tagen funktioniert das bei mir nur noch mit Mühe und Not. Muss mch erst 10 min in die Kiefer stellen bevor hier wieder irgendwas anfängt zu fließen. Meine Energie ist vermutlich im Keller.

Er ist nicht mehr in der Lage sein Bein selbtändig zu heben und zu senken - daher bittet er mich alle 5 min um Hilfe da ihn das Bein schmerzt. Man kann im Grunde nix tun. Man möchte ihm helfen es anders zu legen, ganz langsam muss das dann vor sich gehen sonst schreit er vor Schmerzen. Und die Schreie sind kaum zu ertragen in meiner Seele.

Oh ist das schlimm - oh bitte holt ihn ab. Holt ihn ab. Das geht nicht mehr so weiter. Weiter? Es wird tagtäglich schlimmer! Oh wenn ich doch nur helfen könnte?

Im Moment ist sterben alles andere als friedlich!

Donnerstag, Oktober 18, 2007

Mit dem Abschied leben




Ein Leben im Abschied bringt Höhen und Tiefen, Freude und Trauer.

Ich habe die vergangenen drei Tage alles davon erlebt. Tief traurig erkannte ich die vollkommene Schönheit im Leben und im einfachen Sein - und gleichzeitig versuchte ich in anderen Momenten besondere Zeiten besonders normal werden zu lassen.

So dränge es mich z.B. vorgestern dazu mir einen neuen Haarschnitt schneiden zu lassen. Warum weiss ich nicht? Wie ist das mit den Frauen und den neuen Haarschnitten die neue Lebensphasen ankündigen? Ob das so ist wird sich zeigen - vielleicht aber wollte ich auch nur einfach mal was herrlich normales tun.
Wie seit langem schon nicht mehr.

Mein Leben und vorallem mein Erleben sind schon lange nicht mehr normal. Manchmal fällt es mir auf, wenn ich durch die Strassen gehe und die Leute beobachte. Dann grübele ich darüber wie diese Menschen gerade die Welt sehen?
Gibt es gerade Dinge ín ihrem Leben die sie in ihrer Seele grundlegend verändert?

Einige schneiden die Hecken oder nutzen den goldenen Oktobernachmittag dazu in ihren Gärten zu grillen. Andere haben es eilig in ihren Autos, sie hupen und schimpfen an der Ampel. Ich weiss nicht wievielen von ihnen wirklich bewusst ist, dass nur einen kurzen Moment später das ganze Leben grundlegend anders sein kann und nie wieder so wird wie es war?

Manchmal wenn ich dann so darüber nachdenke, wird mir bewusst wie großartig die Zeit doch jetzt ist in der ich hier und jetzt leben darf. Sie ist tatsächlich großartig. Ein anderes Wort fällt mir dazu nicht ein - um nichts in der Welt möchte ich auf sie verzichten! Wenngleich sie auch noch so schwer ist und noch so viel Leid bringt, bringt sie gleichzeitig vollkommene Schönheit und Wachstum.

Ja - es ist schön, wenn Du erkennst was wichtig ist im Leben. Und es ist schön, wenn Du erkennst wer Du bist und was die Welt im Innersten zusammenhält.

Irgendwann habe ich mal einen schönen Satz gelesen:
"Probleme sind nur die Verpackung von einem viel größeren Geschenk - der Erkenntnis."

Die Erkenntnis ist das was ewig bleibt. Durch Erkenntnis findet man Sinn! Wie könnte ein Leben lebenswerter sein - als wenn man es sinnvoll lebt?

Bei all dem Vertrauen darauf dass ich auch hier den Sinn irgendwann erkennen werde - bleibt die Zeit jetzt dennoch schwer. So schwer, dass ich manchemmal nicht weiss wie ich weiter atmen soll? So schwer, dass es mir die Luft und das Herz abschnürt und ich erkenne das meine wahre Herausforderung darin liegt es offen zu halten - jederzeit.

Denn dann wird die grenzenlose Liebe spürbar. In jedem Moment. Und die Liebe ist die vollkommene Brücke zu jener Wahrheit die jenseits des rationalen Verstandes liegt.

Montag, Oktober 15, 2007

Der Kranke und sein Bestes

Ohne Zweifel - als pflegende Angehörige möchte man nur das Beste für den geliebten Kranken. Doch was ist das Beste? Eine optimale medizinische Versorgung? Sorge für das leibliche Wohl? Ebenfalls genauso für das Wohl von Geist und Seele? Den Kranken und Sterbenden auch weiterhin noch in seiner Rolle wertschätzen, achten und respektieren?

Garnicht so leicht - vorallem wenn sich die einzelnen Vorsätze auch noch zu widersprechen und gegenseitig auszuschließen scheinen.

Heute habe ich es geschafft mein Herz offen zu halten und war innerlich schon erheblich ruhiger als die letzten Tage. Ich habe es geschafft, ihm die Hand zu halten und liebevoll mit ihm zu erzählen und zu atmen. Ich hatte nicht mehr das Bedürfnis das Zimmer verlassen zu müssen. Auch nach Zurückweisungen und Vorwürfen verschloss ich mich nicht. Mein Herz war heute weit und líchtvoll genug um in jeder Sekunde zu erkennen, dass er mich garnicht meint sondern nur sein unerträglicher Zustand durch ihn spricht.

Dafür aber, habe ich heute einen weiteren großen Fehler begangen. Einen - an den ich zuvor nie gedacht hatte. Ich geriet in Konflikt mit dem Kranken und sein Bestes.

Mein Vater lehnt alles ab. Er lehnt das Pflegebett ab mit einer Wechseldruck-Matratze gegen einen Dekubitus. Er lehnt aber auch Felle und die passenden medizinischen Unterlagen ab. Alle gefallen ihm nicht, sind unbequem und hart. Ohne hält er es jedoch auch nicht aus und von mir wird vorwurfsvoll verlangt dass ich eine Matte finde, die vermutlich erst noch erfunden werden muss.

Weil sein Gesäß und die Hüfte bereits stark gerötet sind bestellte die Schwester die tagtäglich kommt um ihn zu versorgen - gute Unterlagen. Ligasano gegen Wundliegen. Sie sind etwas schaumstoffähnlich. Ok - vielleicht tatsächlich etwas kratzig wenn man empfindlich ist - aber wenn man mit der flachen Hand drauf drückt merkt man sehr gut, dass der Druck optimal verteilt wird.

Ich habe Sorge dass Papa sich ganz auf liegt und habe es gemeinsam mit der Schwester für ihn untergeschoben -

obwohl er nicht einverstanden war.

Oh wie schlecht fühle ich mich? Wie konnte ich mich gegen seinen Willen hinwegsetzen , nur für sein Bestes? Wie kann ich glauben, ich wüsste was das Beste für ihn sei? Bei aller Sorge und Vernunft - um die geht es nicht.

Auch hier - geht es wieder ums Loslassen.

Ich muss es los lassen. Ihn lassen - meinen Kopf raus lassen und mein Herz sprechen lassen!

Nur das Herz kann das Wesentliche sehen. Das weiss ich doch? Wieso lasse ich immer wieder zu dass mein Kopf die Stimme des Herzens übertönt?

Wie konnte ich mich so dermaßen über ihn hinwegsetzen - über das Einzige was ihm noch an Autonomie geblieben ist? Seiner Ablehnung?

Die Wertschätzung und der Respekt dem persönlichen Willen Sterbenden gegenüber sollten immer an erster Stelle stehen. Jetzt tut es mir leid.

Ich wollte nur sein Bestes!

Sonntag, Oktober 14, 2007

Mit dem Herzen sehen...

Mit dem Herzen zu sehen ist garnicht so leicht wie man oftmals denkt, wenn man den Satz so lapidar daher sagt. Jeder weiss sicher was damit gemeint ist - der inneren Stimme zu folgen und sein Herz zu öffnen - jedoch will man manchmal genau das rechte tun und tut das Gegenteil.

Mein guter Vorsatz gestern jetzt zu versuchen die Ruhe im Sterbezimmer einkehren zu lassen hat - ausser in dem Bewusstsein dass es richtig wäre - nicht viel gebracht.

Zumindest blieb ich heute weiterhin unfähig. Denn das Bewusstsein ist es nicht - Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung nicht wahr? Einsicht ist der erste Schritt zur Erkenntnis. Besser als nichts - jedoch erkannte ich heute, dass ich den Kopf raus lassen muss. Mein Herz ist schuld! Nicht mein Bewusstsein.

Weil mein Herz das Leid meines geliebten Vaters nicht länger ertragen konnte, hat es sich vor ihm verschlossen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich eigentlich will und fühle. Warum nur ist man so unfähig? So unfähig Sterbende gehen zu lassen. Man ist unfähig - jedenfalls ich bin es - ohnmächtig zu sein. Die Ohnmacht ist ein ziemlich überwältigendes Gefühl. Wie ist das mit der Suppe die man Kranken hinstellt? Oder die bittere Medizin die man ihnen reicht damit sie wieder gesund werden? Was ist - wenn sie nicht mehr gesund werden?

Der Verstand sagt so vieles und weiss so vieles - aber das auch im Herzen zu sehen stellt eine ganz eigene Herausforderung dar.

Wir haben uns dafür entschieden ihn palliativ zu begleiten. Wir haben eingesehen, dass nichts mehr hilft. Wir haben eingesehen, dass jeder Versuch sein Leben zu verlängern sein Leiden verlängert. Und ich kämpfe an vorderster Front gegen jene die sagen, man sollte ihn künstlich ernähren lassen. Nein - das machen wir nicht. Das haben wir eingesehen!

Und doch wird es jetzt ernst - auch im Herzen!

Wenn die Decke schon zu hart ist und sein dürres mit Krebs übersähtes Knochengerüst quält. Jede Bewegung, jede unbequeme Drehung des Körpers zu schmerzvollem Schreien führt. Wenn man versucht es ihm etwas erträglicher zu machen und nichts hilft, wenn er wütend ist über sich und die anderen und die Situation, dass er Dir sagt, alles was Du tust sei falsch und Du Dich dann auch noch nach dem 10ten Mal anfängst zu streiten. Wenn er um Hilfe bittet und Dich alle 5 Minuten ruft und Du überhaupt nicht helfen kannst und schon beginnst die Augen zu verdrehen weil Du es nicht schaffst stark zu sein.

Weil Du genervt bist über Dich selbst.

Weil Du überhaupt nicht weisst was zu tun ist? Raus rennst um durchzuatmen, weil Du es keine Sekunde mehr aushältst im Zimmer ohne zu schreien. Und das Alleinlassen das Schlimmste ist, was Du einem Sterbenden antun kannst - ist es Zeit mit dem Herzen und sonst nichts anderem zu sehen.

Das habe ich heute erkannt. Der Verstand mit dem man plant, organisiert, denkt ist am Ende angelangt. Es gibts nichts was hilfreich wäre. Alles was bleibt ist das Herz was man verschließen kann oder öffnen.

Die Schwester hat ihn heute morgen waschen wollen - doch er wollte nicht. Ich hielt es für das Beste wenn er gewaschen würde - doch mir wurde klar, dass seine Ablehnung alles ist was er noch hat. Er will nicht in das Pflegebett obwohl das viel besser wäre gegen einen möglichen Dekubitus. Er will eine perfekte Auflage von mir die weich ist die er unter seinen schon von Druckstellen schmerzenden Steiß legen könne - alle die ich bisher besorgt habe, mit ärztlicher Absprache und ohne - waren falsch. Sie waren immer ein Grund zu schimpfen - jedesmal, als würde ich absichtlich die falschen Auflagen mitbringen damit er leiden muss. Er lehnt es ab. Vielleicht lehnt er es ab, weil die Ablehnung die einzige Form der Autonomie ist die er noch besitzt?

Wie kann ich mir anmaßen zu glauben, ich wüsste was das Beste für ihn sei? Selbst wenn ich das Beste will - sind wir jetzt an einem Punkt angelangt wo es darum garnicht mehr geht...!


Heute bin ich wieder eine halbe Stunde an die frische Luft gegangen. Wieder am Friedhof vorbei - ich fühle mich da derzeit sehr wohl. Das ist ein aussergewöhnlich schöner Friedhof. Fast wie ein kleiner Park. Viele Bäume und schöne Wege und besonders schöne Grabsteine von sonniger und friedlicher Atmosphäre beglücken den Ort. Die Energie dort ist einfach wunderbar. Wir haben hier im Ort insgesamt 5 oder 6 Friedhöfe - aber dieser ist der Schönste. Papa hat mir und dem Pastor, den ich kürzlich zu ihm geholt habe, schon erzählt dass er auf genau diesen Friedhof möchte.

Ja, letzte Woche bin ich beim Pastor gewesen. Ich wollte Papa helfen etwas von seiner Wut und seinem Groll loszulassen. Sterbende die Groll in sich haben finden kaum die Ruhe ihr Leben loszulassen. Daher ist es wichtig zu vergeben - anderen, aber vor allem auch sich selbst.

Wie oft hatte mein Papa mir erzählt, dass er den Himmel nicht verdient habe. Dass er ein großer Sünder sei. Er scherte sich sein ganzes Leben nicht sehr um die Kirche - aber gläubig war er deshalb doch. Sehr sogar.

Zeitlebens hatte er eine Antipathie gegen die strengen katholischen Priester seiner Jugendzeit gehegt und fühlte ich nach seiner Scheidung im Jahr 1976 nicht mehr würdig zu kommunizieren. Ich glaube unbewusst hat er sich seit dem als Sünder gefühlt. Seine Gefühle sind gemäß seiner christlichen Erziehung auch recht streng - vor allem - sich selbst gegenüber.

Ich denke es war richtig den Pfarrer zu holen. Er kam und gab ihm die Krankensalbung und redete mit ihm. Der Pastor nahm ihm die Beichte ab und gab ihm die Kommunion. Von Beichte mag man in seiner Wirksamkeit glauben was man will, darum geht es nicht. Alles hat immer die Wirkung die der Sache beigemessen wird - und mein Vater ist in Tränen ausgebrochen. Unentwegt. Er weinte und schluchzte. Er faltete seine dürren Finger zum Gebet - und ich sah wie das Licht Gottes ihn einhüllte. Und wie der Pastor ihm gut tat etwas von seiner (Selbst)Verbitterung loszuwerden.

Es war sehr schön! War es wirklich. Es war wunderschön und ohne Zweifel sehr heilsam für die Seele. Denn wenn der Körper am Ende ist, sind es das Herz und die Seele um das es sich zu kümmern gilt.

Ich muss es schaffen mich zu lösen von diesem ganzen Körperkümmerquatsch.

Das ist nicht so einfach wie man meint, wenn Du zusiehst wie etwas verfällt. Alles ist leichter gesagt als getan.

Was ich jetzt lernen muss, ist - mit dem Herzen zu sehen!

Samstag, Oktober 13, 2007

Die Unzulänglichkeit der Liebe

In der Sterbebegleitung meines geliebten Vaters seit ungefähr einem Jahr spitzt sich die Lage seit etwa zwei Wochen extrem zu. Während er vorher zwar eigentlich auch nur lag - konnte er jedoch die ganze Zeit über noch sich selbst zur Toilette helfen oder mit dem Badewannenlift gebadet werden. Seit etwa zwei Wochen jedoch nicht mehr und er steht jetzt leider garnicht mehr auf.

3 Tage lang hatte er gebrochen und seitdem ist er zu schwach. Die ganze Zeit über sind wir ohne Pflegedienst ausgekommen. Jetzt kommen sie.

Ich fühle mich erleichtert dass sie jetzt kommen - sonst wär mein Gefühl der Machtlosigkeit und Hilflosigkeit noch größer. Jeden Morgen bekommt er eine Infusion mit Mitteln gegen die Schmerzen und Übelkeit. Gebrochen hat er duch das zusätzliche Medikament nicht mehr. Allerdings nimmt er auch keine Nahrung mehr auf - vielleicht etwa ein Trinkpäkchen Astronautenkost - was immerhin besser ist als nichts!

Das Essen ist lange Zeit mein Problem gewesen. Wenn man als Pflegeperson und nahe Angehörige das Essen einem Kranken reicht, gibt das einem ein so schönes und beruhigendes Gefühl von Helfen. In Konflikte gerät man, wenn das wegfällt und plötzlich nicht mehr gegessen wird. Dann muss man sich damit auseinander setzen wie man weiter hilft? Essen bedeutet Leben. Nicht mehr Essen bedeutet Sterben. Für mich bedeutete das ihn nun loslassen zu müssen, wo ich anfänglich extrem rebellierte.

Er leidet sehr - und je mehr er leidet, desto mehr ertappe ich mich dabei, dass ich mich zurück ziehe. Ohne Zweifel - ich bin da. Ich bin da ihm das Wasserglas zu reichen wozu er zu schwach ist, ihn abends von der Infusion abzustöpseln worin die Schwestern mich angeleitet haben, ihm bei seinen Notdürftigkeiten zu helfen..., aber ich mit meinem Selbst fühle mich viel zu unruhig, ohnmächtig und hilflos um wirklich da zu sein.

Langsam begreife ich, dass es nichts zu tun gibt und man nichts tun könnte was wirklich hilfreich ist. Alles was ich zu tun haben - ist es zu sein. Einfach da zu sein! Doch wie ist man einfach da, wenn man vor sich selbst auf der Flucht ist? Vor dem Gefühl loslassen zu müssen?

Manches mal würde ich am liebsten schreiend das Sterbezimmer verlassen, weil ich unfähig bin einfach da zu sein - obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche in Wahrheit als die letzten Tage/Stunden intensiv zu erleben und ihn zu begleiten - fühle ich mich unzulänglich.

Unzulänglich durch meine Liebe. Unzulänglich weil ich so machtlos bin, weil ich zusehe und mich hilflos fühle.

Die Ereignisse überschlagen sich. Zumindest habe ich derzeit so das Gefühl als täten sie das. Mir bleibt kaum Zeit inne zu halten und durchzuatmen so sehr bin ich damit beschäftigt zu begreifen was hier vor sich geht. Es gibt kaum Phasen im Leben in denen man schneller wächst als wenn der Tod einem begegnet.

Heute bin ich einfach gegangen am Nachmittag und bin eine Stunde spazieren gegangen (in letzter Zeit tat ich mich sehr schwer dabei etwas für mich zu tun) - am Friedhof vorbei. Der Friedhof hatte eine sehr warme friedliche Atmosphäre. Genau die Art von Stille die heute heilsam für mich war. Ich habe die herbstlich goldenen Blätter von den Bäumen fallen sehen und geatmet. Wie wichtig es doch ist inne zu halten und zu atmen? Ich glaube ich habe das erste Mal seit Monaten wieder etwas gesehen. Mir fiel auf, wie die Blätter der Bäume sich alle verfärbt haben an diesem sonnigen Oktobernachmittag. Und ich sah und spürte den Herbst!

Papa ist schon so lange krank - ich glaube ich habe den ganzen Sommer verpasst. Zumindest habe ich ihn nicht wahrgenommen.

Ich habe das inne halten heute gebraucht - ich will mir jetzt Mühe geben die Stille und Ruhe zuzulassen die ein Sterbezimmer mit sich bringt. Ich will versuchen jetzt dabei zu sein und nicht vor mir selbst zu fliehen. Das Schlimmste ist, dass ich auch noch mit meinem Papa stritt. Ich stritt mit ihm weil ich genervt war über meine eigene Unzulänglichkeit.

Die Unzulänglichkeit der Liebe!

Ein paar Worte zum Anfang

Aller Anfang ist schwer. Besonders auch wenn man das Bedürfnis hat Tagebuch zu führen um Ordnung in sich selbst zu schaffen - und man viel zu verwirrt ist um aus dem Knotenwust von Gedanken einen roten Faden zu finden.

Das ist jetzt mein 4. Blog. Seit Sommer hatte ich Blogs eröffnet und war nicht in der Lage anzufangen. Der Name stimmte nie. Es drückte nie etwas auch nur im Ansatz aus von dem was ich eigentlich ausdrücken möchte und jetztwurde mir klar, dass ich garkeinen Anfang mit rotem Faden finden muss bevor ich beginne. Vielleicht kommt der rote Faden ja zu mir, wenn ich einfach nur das Knäuel von Gedankenfäden in die Hand nehme und anfange es herum zu drehen.

Ich habe soviel zu sagen. Soviel Verwirrung und Zerrissenheit sind in mir - gerade in Phasen wie diesen. Kaum eine Phase im Leben wird mehr Gelegenheit zu spirituellem Wachstum bieten als die Phase wenn Du Deine Eltern in den Tod begleitest.

Wenn Du jemanden in den Tod begleitest wird alles unwesentlich was man vorher für wichtig hielt. Wenn Du jemanden in den Tod begleitest bist Du vielleicht sogar in der Lage Dir selbst näher zu kommen, Dein wahres Selbst zu finden und Deinen Weg zu gehen.

Der Tod ist einer der besten Lehrmeister fürs Leben - wenn man ihn zu einem Verbündeten werden lässt.

Und das ist der Weg den ich gerade zu gehen versuche - mit all seinen Höhen, Tiefen, seinem Leid, seiner Trauer, seiner Liebe, seiner vollkommenen Schönheit, seiner Dankbarkeit und nicht zuletzt seiner Verwirrung.

Ausserdem ist Schreiben im Moment sehr heilsam für mich. Es drängt mich geradezu dazu Tagebuch zu führen. Das hilft mir beim erkennen und reflektieren der Situation und meiner Selbst. Denn mit Sterbenden zu arbeiten heisst zuallererst an sich selbst zu arbeiten.

Freunde und Bekannte kommen derzeit viel zu kurz. Wenn Zeiten so turbulent sind wie diese vergehen die Wochen und Monate schneller als der Wind sie verkündet.
Die Zeit zerfließt in einem riesigen Meer von Chaos - wo ich gerade versuche nach Luft zu schnappen.

Ich danke Euch für die Zeit die Ihr Euch nehmt um meine Zeilen zu lesen. Auf diesem Weg habt Ihr die Gelegenheit meine Gedanken und Gefühle, die voller innerer Konflikte beim Loslassen sind, mit zu verfolgen, ohne dass ich mehr Energie aufwenden muss, als ich derzeit dazu in der Lage bin.

Denn alles was hier vor sich geht im Aussen genauso wie in meinem Innern - ist still und leise.