Samstag, Oktober 13, 2007

Die Unzulänglichkeit der Liebe

In der Sterbebegleitung meines geliebten Vaters seit ungefähr einem Jahr spitzt sich die Lage seit etwa zwei Wochen extrem zu. Während er vorher zwar eigentlich auch nur lag - konnte er jedoch die ganze Zeit über noch sich selbst zur Toilette helfen oder mit dem Badewannenlift gebadet werden. Seit etwa zwei Wochen jedoch nicht mehr und er steht jetzt leider garnicht mehr auf.

3 Tage lang hatte er gebrochen und seitdem ist er zu schwach. Die ganze Zeit über sind wir ohne Pflegedienst ausgekommen. Jetzt kommen sie.

Ich fühle mich erleichtert dass sie jetzt kommen - sonst wär mein Gefühl der Machtlosigkeit und Hilflosigkeit noch größer. Jeden Morgen bekommt er eine Infusion mit Mitteln gegen die Schmerzen und Übelkeit. Gebrochen hat er duch das zusätzliche Medikament nicht mehr. Allerdings nimmt er auch keine Nahrung mehr auf - vielleicht etwa ein Trinkpäkchen Astronautenkost - was immerhin besser ist als nichts!

Das Essen ist lange Zeit mein Problem gewesen. Wenn man als Pflegeperson und nahe Angehörige das Essen einem Kranken reicht, gibt das einem ein so schönes und beruhigendes Gefühl von Helfen. In Konflikte gerät man, wenn das wegfällt und plötzlich nicht mehr gegessen wird. Dann muss man sich damit auseinander setzen wie man weiter hilft? Essen bedeutet Leben. Nicht mehr Essen bedeutet Sterben. Für mich bedeutete das ihn nun loslassen zu müssen, wo ich anfänglich extrem rebellierte.

Er leidet sehr - und je mehr er leidet, desto mehr ertappe ich mich dabei, dass ich mich zurück ziehe. Ohne Zweifel - ich bin da. Ich bin da ihm das Wasserglas zu reichen wozu er zu schwach ist, ihn abends von der Infusion abzustöpseln worin die Schwestern mich angeleitet haben, ihm bei seinen Notdürftigkeiten zu helfen..., aber ich mit meinem Selbst fühle mich viel zu unruhig, ohnmächtig und hilflos um wirklich da zu sein.

Langsam begreife ich, dass es nichts zu tun gibt und man nichts tun könnte was wirklich hilfreich ist. Alles was ich zu tun haben - ist es zu sein. Einfach da zu sein! Doch wie ist man einfach da, wenn man vor sich selbst auf der Flucht ist? Vor dem Gefühl loslassen zu müssen?

Manches mal würde ich am liebsten schreiend das Sterbezimmer verlassen, weil ich unfähig bin einfach da zu sein - obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche in Wahrheit als die letzten Tage/Stunden intensiv zu erleben und ihn zu begleiten - fühle ich mich unzulänglich.

Unzulänglich durch meine Liebe. Unzulänglich weil ich so machtlos bin, weil ich zusehe und mich hilflos fühle.

Die Ereignisse überschlagen sich. Zumindest habe ich derzeit so das Gefühl als täten sie das. Mir bleibt kaum Zeit inne zu halten und durchzuatmen so sehr bin ich damit beschäftigt zu begreifen was hier vor sich geht. Es gibt kaum Phasen im Leben in denen man schneller wächst als wenn der Tod einem begegnet.

Heute bin ich einfach gegangen am Nachmittag und bin eine Stunde spazieren gegangen (in letzter Zeit tat ich mich sehr schwer dabei etwas für mich zu tun) - am Friedhof vorbei. Der Friedhof hatte eine sehr warme friedliche Atmosphäre. Genau die Art von Stille die heute heilsam für mich war. Ich habe die herbstlich goldenen Blätter von den Bäumen fallen sehen und geatmet. Wie wichtig es doch ist inne zu halten und zu atmen? Ich glaube ich habe das erste Mal seit Monaten wieder etwas gesehen. Mir fiel auf, wie die Blätter der Bäume sich alle verfärbt haben an diesem sonnigen Oktobernachmittag. Und ich sah und spürte den Herbst!

Papa ist schon so lange krank - ich glaube ich habe den ganzen Sommer verpasst. Zumindest habe ich ihn nicht wahrgenommen.

Ich habe das inne halten heute gebraucht - ich will mir jetzt Mühe geben die Stille und Ruhe zuzulassen die ein Sterbezimmer mit sich bringt. Ich will versuchen jetzt dabei zu sein und nicht vor mir selbst zu fliehen. Das Schlimmste ist, dass ich auch noch mit meinem Papa stritt. Ich stritt mit ihm weil ich genervt war über meine eigene Unzulänglichkeit.

Die Unzulänglichkeit der Liebe!