Der Zeitpunkt ab dem ich wusste, dass es nun soweit sein würde - zog wie zeit- und raumlose Formen und Fäden an mir vorbei. Ich währenddessen befand mich in einem riesigen Vakuum von Nichts verzweifelnd versuchend irgendetwas greifen zu können.
Wir gaben Papa viel zu schlafen, damit er es nicht so merkt. Zwischendurch wurde er jedoch etwas wach. Wenn er sehr bei Bewusstsein war, war er so aggressiv wie zuvor - nur unheimlich kraftlos. Wenn er dämmerte nahm er am meisten wahr. Er sah und hörte zuletzt schlecht. Doch wenn er dämmerte dann wusste er trotz geschlossener Augen und obwohl wir leise flüsterten immer genau wer neben ihm stand und antwortete interessanterweise auch.
Einen Tag vor seinem Tod - Sonntag, etwa zur Mittagszeit, hielt ich seine Hand. Geschwächt versuchte er mit seinem Daumen ansatzweise mich zurückzustreicheln. Er sprach sehr verwaschen und dünn - doch er sagte mir: "Machs gut mein Kind!" Und dann nuschelte er etwas, dass ich nicht verstand - aber ganz deutlich hörte ich 16:40 Uhr!
Und auch meine Cousine hörte es. Ich war ganz aufgeregt und dachte, dass er nun sterben würde am Sonntag Nachmittag. Doch Sonntag sollte es noch nicht werden.
Am Montag Morgen riefen wir die Ärztin nach Hause - weil er extrem stark röchelte. Auch seine Füsse waren voller Wasser und plötzlich ganz dick obwohl er sonst so stark abgemagert war.
Wir hatten ein Absauggerät mit dem ich ihm am Morgen noch etwas Schleim aus dem Rachenbereich saugte.
Wir hatten beobachtet wie er im Dämmerzustand imaginären Leuten die Hand gegeben hatte und Tschüss sagte.
Dann schlief er - und seine Atmung stellte sich in die vor dem Tod üblichen Schnappatmung um.
Das ging dann noch über Stunden.
Viele Verwandte sind gekommen und mir war klar, dass heute der Tag ist, an dem ich alle von der Arbeit zu holen hatte die eine Rolle spielten.
Meine Mutter hatte für alle Brötchen besorgt und wir saßen am Esstisch. Abwechselnd gingen alle Verwandte nochmal einzeln zu Papa solange wie sie es brauchten und verabschiedeten sich.
Ich war auch noch eine halbe Stunde allein bei ihm und küsste ihn auf die Stirn und erzählte ihm weinend wie dankbar ich bin, dass er immer bei mir war. Dass ich ihm für alles danke, selbst für die Konflikte an denen ich gereift bin. Und dafür dass ich ihm zurückgeben durfte jetzt wo er so krank war und auch, dass ich mir keinen Tag ohne ihn vorstellen könne!
Aber auch dass es nun Zeit sei zu gehen, denn er hat einfach keinen Körper mehr zum leben. Und dass er sich keine Sorgen machen braucht - "es ist ok, wenn Du gehst".
In Anbetracht seines Alters von 59 Jahren fiel ihm das Loslassen besonders schwer. Vielleicht auch wegen uns Kinder.
Morgens als er zuletzt einigermaßen bei Bewusstsein war hatte er einen extremen Drang nach oben und wollte hinauf geholfen kriegen, obwohl er eigentlich schon viel zu schwach war.
Er nuschelte immer Dinge wie "Komm wir gehen - ich will weg hier", usw.
Ich hielt seine Hand und sagte ihm: "In Deinem Körper wird das nix mehr - geh ohne"!
Und dann wurde er irgenwann ruhig. Die Schnappatmung stellte sich wie gesagt ein und so atmete er noch einige Stunden.
Gegen 15:30 Uhr wurde ich extrem unruhig und musste ins Schlafzimmer gehen und setzte mich vor ihn auf einen Stuhl. Mein Onkel und meine Tante waren ebenfalls anwesend.
Irgendwann wurde sein Atem schneller als sei er aufgeregt und dann setzte der erste Atemaussetzer ein.
Ich dachte beim ersten Mal bereits er sei jetzt gestorben - aber dann nach etwa einer Minute fing er weiter an nach Luft zu schnappen.
Wir holten alle anderen aus dem Wohnzimmer ins Schlafzimmer.
Sein Bett steht mitten im Raum so dass wir rund herum einen Kreis bilden konnten mit neun Angehörigen hielten wir uns an den Händen und er lag inmitten unseres Kreises.
Vorher war der Raum extrem kalt - aber es wurde hochenergetisch und man spürte förmlich wie die Energie durch unsere Hände floss und alles warm wurde.
Wir alle atmeten mit ihm - fingen fast selbst an zu hyperventilieren, weil wir uns seiner Schnappatmung anpassten.
Sicher noch fast eine halbe Stunde standen wir so da. Bei jedem Atemaussetzer hofften und beteten wir dass er es nun geschafft habe - aber mehrmals kam er zurück. Gerade auch wenn jemand dann anfing zu schluchzen.
Wir versuchten dann ganz leise zu sein, damit er nicht mehr gestört würde und den Übergang endlich schaffen könne.
Dann starb er exakt zu seiner zuvor angesagten Uhrzeit am Montag den 26. November 2007 um 16:40 Uhr im Kreise seiner Lieben zu Hause.
Ich habe sein Sterben als wundervolles Geschenk erfahren. Es war eine wunderschöne Erfahrung. Wir wogen ihn liebevoll hin bis zum Tor der Ewigkeit.
Es war so ergreifend wie aufgeregt wir waren als er die Atemaussetzer bekam und wir mitatmeten - es schien fast wie eine Flugzeuglandung an dessen Ende man das Bedürfnis verspürt zu klatschen.
Denn er hatte es geschafft!
Aus Liebe freue ich mich und bin unendlich stolz, dass er den Schritt gewagt hat sein materielles Dasein zu verlassen. Denn sein Körper konnte einfach nicht mehr leben.
Und aus Liebe weine ich, denn kein Tag wird vergehen wo mich Papas Verlust nicht schmerzt.
Wir haben in unserem Kreis das Licht gespürt und es ist ein unglaubliches Geschenk dass ich Teil dieses Kreises sein durfte.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen