Freitag, November 09, 2007

In der Ruhe liegt die Kraft

Ich habe jetzt über eine Woche nicht mehr geschrieben. Ich habe nicht mehr geschrieben weil alles ruhig war. Ich wurde sogar ein paar Tage lang zu meiner Ruhe gezwungen in dem ich eine dicke Erkältung bekam und mich mit Halsschmerzen und Fieber herumschlug.

In dieser Zeit habe ich zwar immer noch für meinen Vater erledigt was möglich war - aber ich habe vorrübergehend das was andere machen konnten auch mehr auf andere Leute verteilt.


So lief das alles einigermaßen.


Die Schmerzen waren gut eingestellt und das war schonmal wirklich beruhigend. Die Krankheit an sich erschien deshalb nicht mehr ganz so akut. Er aß Haferschleim und trank Astronautenkost und entwickelte im Laufe der Woche eine Leidenschaft für Actimel. So sehr dass ich mir schon fast überlegte mit Actimel einen Vertrag abzuschließen.

Zum Ende der Woche jetzt wurde es immer mehr - dafür wurde anderes wieder weniger. Haferschleim ist er nicht mehr - es bereitet ihm nun Bauchschmerzen. Er trank 1 Päkchen Astronautenkost und "ungelogen" 40 Actimel pro Tag. Actimel ist zu seiner Haupternährung geworden. Alle 2 Tage kaufe ich also 80 Fläschchen Actimel im Geschäft. Etwas doof kam ich mir schon vor bei der Masse - jedenfalls dachte ich, dass der Umsatz bei dieser Menge spürbar gestiegen sein musste.

So lief es die letzten Tage recht ruhig. Ich habe schon befürchtet, dass mir eine Zwangspause nur vergönnt war, weil dies die Ruhe vor dem Sturm werden sollte.

Heute war es fast unbeschreiblich. Unbeschreiblich anstrengend und ich fühl mich gerade fix und fertig.

Nachdem ich heute früh mir Badewasser eingelassen und es nach einem Anruf von meinem Vater sofort wieder abgelassen hatte - bin ich froh, dass ich jetzt um 18 Uhr heute Abend endlich mal dazu kam, mein Bad nachzuholen, was zu essen - was auch den ganzen Tag nicht geschafft wurde und kurz zu verschnaufen. Gleich werde ich wieder hin fahren müssen.

Aber heute - war es wirklich eine Farce.

Alles ging los heute früh mit der Schreckensnachricht, dass er schon die ganze Nacht versuche zu pinkeln, aber nichts mehr hinaus fließen will. Der Primärkrebs ist ein Prostatakarzinom was anschließend in die Knochen metastasiert ist. Jedenfalls liegt es sehr nahe, dass das Prostatakarzinom dafür verantwortlich ist, wenn die Harnröhre abgeklemmt ist wodurch kein Urin mehr fließen kann.

Ich habe also sofort bei der Hausärztin angerufen - sie betreut ihn hauptsächlich zu Hause und versorgt ihn auch mit seinen Schmerzmitteln. Wir sind mit der Hausärztin sehr zufrieden, weil sie palliativ drauf ist und es ihr um den Sterbenden geht und es nicht, wie sonst leider häufig üblich in diesem Land, heisst - das Krankenhaus sei die einzige Lösung.

Nachdem ich ihr das Problem mitgeteilt hatte, riet sie mir sofort den Urologen zu verständigen der einen Katheter legen würde.

Das tat ich und der Urologe versicherte mir gegen 11:45 Uhr das "gleich" jemand raus kommen würde.

Aus dem "gleich" wurde ein unglaubliches Drama. Niemand kam - und niemand war mehr über die Mittagsruhe zu erreichen. Weder die Hausärztin zunächst, als auch der Urologe. Irgendetwas war schief gelaufen - soviel war mir sicher.

Nachdem die Schreie meines Vaters vor Schmerzen, weil die Blase natürlich immer voller und voller lief aber nichts mehr hinaus konnte, immer lauter wurden und sein Flehen immer dringlicher und ich fast non Stop versuchte die Praxen telefonisch zu erreichen, überlegte ich mir sogar den Notarzt zu rufen.

Allerdings war mir nicht ganz wohl und ich versuchte die Situation abzuwägen, denn ich hielt es für sehr wahrscheinlich dass der Notarzt ihn mit ins Krankenhaus nehmen würde. Der Transport ist nicht wirklich zumutbar mit seinen Knochenmetastasen und das sollte wirklich nur als allerletzte Notlösung erfolgen.


Irgendwann schrie ich zu den Engeln, sie mögen doch bitte jetzt sofort etwas tun!!!


Dann geschah das Wunder - die Hausärztin rief noch mal zurück! Ich bat sie zu kommen - allerdings könnte sie keinen Katheter legen weil durch das Prostatakarzinom könnte es sein, dass man mit den Gewöhnlichen garnicht durch kommt. Sie sagte mir, dass sie kein Auto habe und es in der Werkstadt sei - worauf ich mich dann dazu entschloss sie persönlich in ihrer Praxis abzuholen.

Als ich sie geholt hatte, konnten wir meinem Vater aber schonmal in so weit helfen, als dass sie durch die Bauchdecke direkt in die Blase eine Kanüle schob wodurch etwas Urin abfließen konnte und die erste Erleichterung schonmal gewährleistet war.

Dann irgendwann folgten noch ein paar Gespräche mit dem Urologen und einem Pflegedienstmitarbeiter, der dann irgendwann so gegen 16 Uhr eintrudelte und endlich den gewünschten Katheter setzte. Dann musste ich noch mit zur Praxis fahren und die Urinbeutel fürs Wochenende holen.

Darauf hin bin ich wieder zu meinem Vater und schloss dann den Urinbeutel an.

Und dann gegen 17 Uhr kehrte endlich etwas Ruhe ein - ich habe ihm gesagt, er solle versuchen eine Runde zu schlafen. Denn ich musste noch in der Apotheke Besorgungen erledigen und bin jetzt gerade froh dass ich frisch gebadet hier mir von der Seele schreiben kann was mir auf ihr brennt.

Jetzt werde ich noch etwas essen und dann wieder nach ihm sehen - mal sehen ob der Tag dann heute rum ist oder schon das nächste Abenteuer wartet...!

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