Freitag, Oktober 26, 2007

Manche Tage sind anders



Wie ich in den letzten Einträgen schrieb, ist die größte Herausforderung sein Herz offen zu halten. Jederzeit! Das erfordert von einem Selbst ständige Reflexion und Arbeit an sich selbst.

Die Sterbephasen von Elisabeth Kübler-Ross zeigen in welchen innerpsychischen Konflikten der Sterbende sich bewegt und versucht SEIN Problem zu meistern.

Sicher, wir als Angehörige und Hinterbliebene haben auch unsere Probleme damit. Besonders das Loslassen bedeutet einen großen Konflikt in uns. Aber selbst zu akzeptieren dass man gehen muss, wenn man noch garnicht so weit ist und noch einem Mann, wie im Falle meines Vaters, mit Ende Fünfzig 1000 Dinge einfallen, die noch unerledigt sind, führt dazu, dass auch häufig eine gewisse Aggressivität oder Zurückweisung vom Sterbenden ausgeht. Denn er muss auch loslassen, sein ganzes Leben.

Klar dass er sich da auch von mir trennen muss gefühlsmäßig. Und ich mich von ihm. Besonders kompliziert wird diese gekünzelte Ablösung, die so dringend nötig ist, dadurch dass unser Verhältnis seit Jahren (damals in umgekehrter Rollenverteilung) nicht mehr so intensiv war wie gerade jetzt in diesem Moment.

Ich bin jeden Tag da. Viele viele Stunden. Ich helfe ihm bei allem was er braucht und versuche die Kraft zu finden ihm die Hand zu halten und offen zu bleiben. Aus irgendeinem Grund bin ich aber der Mensch, über den er sich am meisten zu ärgern scheint. Er meckert unentwegt. Wirft mir verschiedene Dinge vor, so z.B. dass ich als Einzige ihm nie etwas erzähle. Andere die zu Besuch kommen, erzählen ihm immer so schön etwas, was sie vor haben und was sie gemacht haben.

Ich bin davon wirklich überfordert. Denn ich tue ja garnichts anderes mehr als für ihn da zu sein. Was sollte ich ihm da erzählen? Dass ich nachts wach werde und Heulkrämpfe bekomme weil er bald stirbt? Dass ich von morgens bis abends beschäftigt bin (und dies jetzt wohlgemerkt gern tue, denn er hat es verdient zurück zu bekommen schon viele Jahre bevor er krank wurde) und derzeit meine Dinge etwas auf der Strecke bleiben? Vermutlich liegt das daran dass ich kein Besuch bin. Es ist einfach sehr schwierig. Mir fällt absolut nichts ein, was ich ihm erzählen könnte? Und dass mir nichts einfällt setzt mich auch schon wieder enorm unter Druck.

Seit ein paar Tagen ißt er wieder Haferbrei. Er hat 14 tagelang nichts gegessen und doch hat die Erhöhung vom Ketanest auf 3 Ampullen täglich jetzt dazu geführt dass es einigermaßen auszuhalten ist. Somit auch für mich, denn diese "Bein kann so nicht liegen und kannst Du das nicht etwas knicken und fünf Minuten später wieder gerade machen" - Aufträge waren schon sehr belastend für mich, weil es eigentlich nie half.

Das ist jetzt besser. Jetzt kann das Bein ne Weile so daliegen. Aber jetzt belastet sein Gemeckere - besonders gegen mich. Ich gebe ihm die Hand "Boah ist die kalt das tut ja schon weh" und "Der Haferschleim ist zu dünn, zu dick und bla bla bla" und dann alles in einem so vorwurfsvollen Ton als würde ich ihn mit Absicht auf seine letzten Tage noch ärgern wollen..., ist nicht gerade einfach.

Diese Zurückweisungen tun ganz schön weh. Besonders wenn man es gut meint und helfen möchte und dann alles falsch macht.

Ich habe es in der vergangenen Woche schon geschafft mich in so weit weiter zu entwickeln dass ich nicht mehr das Zimmer schreiend verlassen will. Ich könnte bei ihm sein, wenn er es denn nun möchte. Seit Tagen liege ich händehaltend neben ihm und lasse mich stundenlang von ihm ausschimpfen.

Denn die Sache ist ja die, wenn ich ihn hierin allein lasse, ist es gleichzeitig das Schlimmste was ich uns antun könnte. Er braucht mich ja, er will mich ja an seiner Seite und scheinbar tut es ihm so unendlich weh, dass ich soviel für ihn mache, dass er ein schlechtes Gewissen bekommt und sich dieser innere Konflikt am einfachsten lösen lässt wenn er es vorzieht seine Liebe durch Schimpferei auszudrücken.

Ich bin mir darüber im Klaren.

Und weil ich mir darüber im Klaren bin schaffe ich es auch die meiste Zeit Verständnis für seine Situation zu haben und ihr mit Liebe zu begegnen.

Wenn nicht, ja wenn nicht im Leben einer Frau einige Tage anders wären als andere.
Und man während dieser Tage nervlich nicht ganz so auf der Höhe ist wie sonst.
Dann wird es besonders kompliziert.

Vorgestern habe ich wieder neben ihm gelegen um mich ausschimpfen zu lassen. Doch nach einer gewissen Menge an Vorwürfen und Zurückweisungen hatte ich mich plötzlich nicht mehr im Griff und fing an zu weinen. In seinem Beisein. Im Allgemeinen begegne ich ihm ruhig und freundlich und nicht hektisch und hysterisch - aber plötzlich fing ich an zu weinen - und dann artete die ganze Situatiion komplett aus, weil er sofort Schuldgefühle bekam. Schuldgefühle für seine Situation und meine Situation! Das Schlimmste war eingetreten was nur eintreten kann. Hilfe - wie komme ich aus dieser Nummer wieder raus?

Ich rannte hinaus und das war besonders gemein, denn er konnte mir ja nicht hinterher. Also fing auch er an zu weinen. Ich ging dann wieder zurück. Schnaufend -mit aller Bitte an meine Engel meine Kraft jetzt und sofort aufrecht zu erhalten. Und er sagte mir, ich hätte ja bald meine Ruh - er lebe ja eh nur noch ein paar Tage...! Oh wie schlimm war das. Doch nicht so - so sollte doch nicht unser Abschied sein?

Ein Leben im Abschied ist ganz schön kompliziert, vor allem an einigen Tagen.

Seit dem er ganz ans Liegen gekommen ist, habe ich mich vielleicht etwas zu sehr übersehen. Mir ist klar geworden, dass ich bei all dem Kummer und der Angst und der Unruhe ihn zu verlassen, dennoch ein paar Momente für mich haben muss. Manchmal reicht ein kurzer Spaziergang oder ein Kaffee oder Tee in Ruhe. Oder einfach die Zeit in der ich dieses Blog schreibe.

Diese Zeit tut mir sehr gut. Teilweise hat er mir Vorwürfe gemacht dafür, dass ich ja nie da sei. Manchmal auch wenn ich Dinge für ihn erledigte oder versuchte meinem Leben im Studium gerecht zu werden.

Ich brauche Erholungsmomente für mich, sonst bin ich garnicht fähig mein Herz offen zu halten. Beim besten Willen nicht.

So bin ich gestern auch wieder zum Pilates gegangen. Seit Wochen war ich nicht dort, zu groß war meine Unruhe gewesen.

Es ist alles ein Prozess - aber in der Ruhe liegt die Kraft. Nur sie zu finden ist nicht immer so ganz leicht.

Und so habe ich auch an dieser furchtbaren Eskalation wieder etwas gelernt.

Vielleicht er auch, denn seit gestern hat er mich scheinbar wieder etwas lieber! :)

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