Mit dem Herzen zu sehen ist garnicht so leicht wie man oftmals denkt, wenn man den Satz so lapidar daher sagt. Jeder weiss sicher was damit gemeint ist - der inneren Stimme zu folgen und sein Herz zu öffnen - jedoch will man manchmal genau das rechte tun und tut das Gegenteil.
Mein guter Vorsatz gestern jetzt zu versuchen die Ruhe im Sterbezimmer einkehren zu lassen hat - ausser in dem Bewusstsein dass es richtig wäre - nicht viel gebracht.
Zumindest blieb ich heute weiterhin unfähig. Denn das Bewusstsein ist es nicht - Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung nicht wahr? Einsicht ist der erste Schritt zur Erkenntnis. Besser als nichts - jedoch erkannte ich heute, dass ich den Kopf raus lassen muss. Mein Herz ist schuld! Nicht mein Bewusstsein.
Weil mein Herz das Leid meines geliebten Vaters nicht länger ertragen konnte, hat es sich vor ihm verschlossen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich eigentlich will und fühle. Warum nur ist man so unfähig? So unfähig Sterbende gehen zu lassen. Man ist unfähig - jedenfalls ich bin es - ohnmächtig zu sein. Die Ohnmacht ist ein ziemlich überwältigendes Gefühl. Wie ist das mit der Suppe die man Kranken hinstellt? Oder die bittere Medizin die man ihnen reicht damit sie wieder gesund werden? Was ist - wenn sie nicht mehr gesund werden?
Der Verstand sagt so vieles und weiss so vieles - aber das auch im Herzen zu sehen stellt eine ganz eigene Herausforderung dar.
Wir haben uns dafür entschieden ihn palliativ zu begleiten. Wir haben eingesehen, dass nichts mehr hilft. Wir haben eingesehen, dass jeder Versuch sein Leben zu verlängern sein Leiden verlängert. Und ich kämpfe an vorderster Front gegen jene die sagen, man sollte ihn künstlich ernähren lassen. Nein - das machen wir nicht. Das haben wir eingesehen!
Und doch wird es jetzt ernst - auch im Herzen!
Wenn die Decke schon zu hart ist und sein dürres mit Krebs übersähtes Knochengerüst quält. Jede Bewegung, jede unbequeme Drehung des Körpers zu schmerzvollem Schreien führt. Wenn man versucht es ihm etwas erträglicher zu machen und nichts hilft, wenn er wütend ist über sich und die anderen und die Situation, dass er Dir sagt, alles was Du tust sei falsch und Du Dich dann auch noch nach dem 10ten Mal anfängst zu streiten. Wenn er um Hilfe bittet und Dich alle 5 Minuten ruft und Du überhaupt nicht helfen kannst und schon beginnst die Augen zu verdrehen weil Du es nicht schaffst stark zu sein.
Weil Du genervt bist über Dich selbst.
Weil Du überhaupt nicht weisst was zu tun ist? Raus rennst um durchzuatmen, weil Du es keine Sekunde mehr aushältst im Zimmer ohne zu schreien. Und das Alleinlassen das Schlimmste ist, was Du einem Sterbenden antun kannst - ist es Zeit mit dem Herzen und sonst nichts anderem zu sehen.
Das habe ich heute erkannt. Der Verstand mit dem man plant, organisiert, denkt ist am Ende angelangt. Es gibts nichts was hilfreich wäre. Alles was bleibt ist das Herz was man verschließen kann oder öffnen.
Die Schwester hat ihn heute morgen waschen wollen - doch er wollte nicht. Ich hielt es für das Beste wenn er gewaschen würde - doch mir wurde klar, dass seine Ablehnung alles ist was er noch hat. Er will nicht in das Pflegebett obwohl das viel besser wäre gegen einen möglichen Dekubitus. Er will eine perfekte Auflage von mir die weich ist die er unter seinen schon von Druckstellen schmerzenden Steiß legen könne - alle die ich bisher besorgt habe, mit ärztlicher Absprache und ohne - waren falsch. Sie waren immer ein Grund zu schimpfen - jedesmal, als würde ich absichtlich die falschen Auflagen mitbringen damit er leiden muss. Er lehnt es ab. Vielleicht lehnt er es ab, weil die Ablehnung die einzige Form der Autonomie ist die er noch besitzt?
Wie kann ich mir anmaßen zu glauben, ich wüsste was das Beste für ihn sei? Selbst wenn ich das Beste will - sind wir jetzt an einem Punkt angelangt wo es darum garnicht mehr geht...!
Heute bin ich wieder eine halbe Stunde an die frische Luft gegangen. Wieder am Friedhof vorbei - ich fühle mich da derzeit sehr wohl. Das ist ein aussergewöhnlich schöner Friedhof. Fast wie ein kleiner Park. Viele Bäume und schöne Wege und besonders schöne Grabsteine von sonniger und friedlicher Atmosphäre beglücken den Ort. Die Energie dort ist einfach wunderbar. Wir haben hier im Ort insgesamt 5 oder 6 Friedhöfe - aber dieser ist der Schönste. Papa hat mir und dem Pastor, den ich kürzlich zu ihm geholt habe, schon erzählt dass er auf genau diesen Friedhof möchte.
Ja, letzte Woche bin ich beim Pastor gewesen. Ich wollte Papa helfen etwas von seiner Wut und seinem Groll loszulassen. Sterbende die Groll in sich haben finden kaum die Ruhe ihr Leben loszulassen. Daher ist es wichtig zu vergeben - anderen, aber vor allem auch sich selbst.
Wie oft hatte mein Papa mir erzählt, dass er den Himmel nicht verdient habe. Dass er ein großer Sünder sei. Er scherte sich sein ganzes Leben nicht sehr um die Kirche - aber gläubig war er deshalb doch. Sehr sogar.
Zeitlebens hatte er eine Antipathie gegen die strengen katholischen Priester seiner Jugendzeit gehegt und fühlte ich nach seiner Scheidung im Jahr 1976 nicht mehr würdig zu kommunizieren. Ich glaube unbewusst hat er sich seit dem als Sünder gefühlt. Seine Gefühle sind gemäß seiner christlichen Erziehung auch recht streng - vor allem - sich selbst gegenüber.
Ich denke es war richtig den Pfarrer zu holen. Er kam und gab ihm die Krankensalbung und redete mit ihm. Der Pastor nahm ihm die Beichte ab und gab ihm die Kommunion. Von Beichte mag man in seiner Wirksamkeit glauben was man will, darum geht es nicht. Alles hat immer die Wirkung die der Sache beigemessen wird - und mein Vater ist in Tränen ausgebrochen. Unentwegt. Er weinte und schluchzte. Er faltete seine dürren Finger zum Gebet - und ich sah wie das Licht Gottes ihn einhüllte. Und wie der Pastor ihm gut tat etwas von seiner (Selbst)Verbitterung loszuwerden.
Es war sehr schön! War es wirklich. Es war wunderschön und ohne Zweifel sehr heilsam für die Seele. Denn wenn der Körper am Ende ist, sind es das Herz und die Seele um das es sich zu kümmern gilt.
Ich muss es schaffen mich zu lösen von diesem ganzen Körperkümmerquatsch.
Das ist nicht so einfach wie man meint, wenn Du zusiehst wie etwas verfällt. Alles ist leichter gesagt als getan.
Was ich jetzt lernen muss, ist - mit dem Herzen zu sehen!
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