Was mich immer wieder wundert ist, dass es in all der schwierigen Zeit genauso gut auch sehr lustige Momente gibt. Sie sind so herzlich lustig, wie ich es kaum glauben kann. Am Freitag hatte es den Anschein, dass mein Vater seinen Tod nun akzeptiert und auch ich stark genung war das Licht und die Liebe fließen zu lassen. Durch die hohe Dosis an Schmerzmitteln hat er teilweise Wortfindungsstörungen und ist etwas daneben (obwohl krasse Halluzinationen wie angfangs hat er zum Glück nicht mehr)!
Im Großen und Ganzen ist er schon orientiert. Am Freitag war es so lustig, weil er uns erzählte, dass es egal sei wenn er stirbt. Er betonte immer wieder, dass er jetzt mit den Schmerzmitteln gut eingestellt sei und keine Schmerzen mehr habe (das ist auch ein sehr beruhigendes Gefühl für mich) und dass er sich jetzt wohlfühlt. Er sei jetzt an einem Wendepunkt, sagte er, entweder er wird jetzt wieder gesund und es geht aufwärts oder es geht jetzt abwärts und er stirbt. Aber dann möchte er es schnell.
"Und wenn ich sterbe", sagte er, "dann ist das auch egal - denn ich fühle mich wohl und es ist alles suuuuper hier!"
Und mir kam meine Antwort darauf: "Ja, das ist ja dann die Hauptsache!" selbst so absurd vor, dass ich nur noch lachen konnte. Freitag war ein schöner Tag.
Am Samstag ist die Großmutter meines Freundes 90 geworden und hat groß gefeiert. Ich wollte zuerst nicht mit, weil ich Papa nicht allein lassen wollte, aber er bestand darauf, dass ich mit gehe. Ich denke er bekommt ein schlechtes Gewissen wenn ich jetzt nur noch für ihn da bin und diese Vorstellung findet er unerträglich. Also ging ich mit und es war ganz nett und ein bisschen Abstand haben mir auch sicher gut getan.
Eigentlich ist die Großmutter noch recht fit. Immerhin so fit, obwohl sie auch gerade mit dem Laufen Probleme hat, dass sie auswärts Geburtstage feiern kann. Und es ist interessant, dass ihre beiden Kindheitsfreundinnen, auch allesamt um die 90, noch leben und ebenfalls anwesend waren.
Doch an diesem Abend sagte sie zu mir etwas, was mich zum nachdenken brachte.
Sie sagte: "Alt werden ist nicht schön!"
Das ist traurig. Es ist traurig, dass alt werden oftmals als nicht schön empfunden wird. Ich dachte natürlich sofort über die Konsequenz nach. Die Konsequenz von nicht alt werden ist jung zu sterben. Wie gerne sicher diejenigen die in jungem Alter mit schwerer Krankheit konfrontiert werden, älter werden würden.
Mir tut das leid. Das Wichtigste überhaupt ist wirklich dass man sich wohlfühlt.
Es ist noch wichtiger als das man gesund ist. Der Körper ist nur unsere Hülle. Wenn er zu alt oder zu krank ist, ist es immer furchtbar. Vermutlich spüren diese Menschen dann, dass der Körper keinen Raum und keinen Platz mehr für sie bietet. Jedenfalls nicht den Angemessenen. Im Grunde ist es das Beste da einfach zu vertrauen und das göttliche Licht und die Liebe durchströmen zu lassen. Wichtiger als dass der Körper heil wird, ist, dass die Seele heil wird.
Von daher war meine Antwort an meinen Vater: "Das ist ja dann die Hauptsache!" garnicht so absurd.
Wenn Deine Seele sich wohlfühlt, gehts Dir gut, selbst wenn Du stirbst.
Montag, Oktober 29, 2007
Freitag, Oktober 26, 2007
Manche Tage sind anders

Wie ich in den letzten Einträgen schrieb, ist die größte Herausforderung sein Herz offen zu halten. Jederzeit! Das erfordert von einem Selbst ständige Reflexion und Arbeit an sich selbst.
Die Sterbephasen von Elisabeth Kübler-Ross zeigen in welchen innerpsychischen Konflikten der Sterbende sich bewegt und versucht SEIN Problem zu meistern.
Sicher, wir als Angehörige und Hinterbliebene haben auch unsere Probleme damit. Besonders das Loslassen bedeutet einen großen Konflikt in uns. Aber selbst zu akzeptieren dass man gehen muss, wenn man noch garnicht so weit ist und noch einem Mann, wie im Falle meines Vaters, mit Ende Fünfzig 1000 Dinge einfallen, die noch unerledigt sind, führt dazu, dass auch häufig eine gewisse Aggressivität oder Zurückweisung vom Sterbenden ausgeht. Denn er muss auch loslassen, sein ganzes Leben.
Klar dass er sich da auch von mir trennen muss gefühlsmäßig. Und ich mich von ihm. Besonders kompliziert wird diese gekünzelte Ablösung, die so dringend nötig ist, dadurch dass unser Verhältnis seit Jahren (damals in umgekehrter Rollenverteilung) nicht mehr so intensiv war wie gerade jetzt in diesem Moment.
Ich bin jeden Tag da. Viele viele Stunden. Ich helfe ihm bei allem was er braucht und versuche die Kraft zu finden ihm die Hand zu halten und offen zu bleiben. Aus irgendeinem Grund bin ich aber der Mensch, über den er sich am meisten zu ärgern scheint. Er meckert unentwegt. Wirft mir verschiedene Dinge vor, so z.B. dass ich als Einzige ihm nie etwas erzähle. Andere die zu Besuch kommen, erzählen ihm immer so schön etwas, was sie vor haben und was sie gemacht haben.
Ich bin davon wirklich überfordert. Denn ich tue ja garnichts anderes mehr als für ihn da zu sein. Was sollte ich ihm da erzählen? Dass ich nachts wach werde und Heulkrämpfe bekomme weil er bald stirbt? Dass ich von morgens bis abends beschäftigt bin (und dies jetzt wohlgemerkt gern tue, denn er hat es verdient zurück zu bekommen schon viele Jahre bevor er krank wurde) und derzeit meine Dinge etwas auf der Strecke bleiben? Vermutlich liegt das daran dass ich kein Besuch bin. Es ist einfach sehr schwierig. Mir fällt absolut nichts ein, was ich ihm erzählen könnte? Und dass mir nichts einfällt setzt mich auch schon wieder enorm unter Druck.
Seit ein paar Tagen ißt er wieder Haferbrei. Er hat 14 tagelang nichts gegessen und doch hat die Erhöhung vom Ketanest auf 3 Ampullen täglich jetzt dazu geführt dass es einigermaßen auszuhalten ist. Somit auch für mich, denn diese "Bein kann so nicht liegen und kannst Du das nicht etwas knicken und fünf Minuten später wieder gerade machen" - Aufträge waren schon sehr belastend für mich, weil es eigentlich nie half.
Das ist jetzt besser. Jetzt kann das Bein ne Weile so daliegen. Aber jetzt belastet sein Gemeckere - besonders gegen mich. Ich gebe ihm die Hand "Boah ist die kalt das tut ja schon weh" und "Der Haferschleim ist zu dünn, zu dick und bla bla bla" und dann alles in einem so vorwurfsvollen Ton als würde ich ihn mit Absicht auf seine letzten Tage noch ärgern wollen..., ist nicht gerade einfach.
Diese Zurückweisungen tun ganz schön weh. Besonders wenn man es gut meint und helfen möchte und dann alles falsch macht.
Ich habe es in der vergangenen Woche schon geschafft mich in so weit weiter zu entwickeln dass ich nicht mehr das Zimmer schreiend verlassen will. Ich könnte bei ihm sein, wenn er es denn nun möchte. Seit Tagen liege ich händehaltend neben ihm und lasse mich stundenlang von ihm ausschimpfen.
Denn die Sache ist ja die, wenn ich ihn hierin allein lasse, ist es gleichzeitig das Schlimmste was ich uns antun könnte. Er braucht mich ja, er will mich ja an seiner Seite und scheinbar tut es ihm so unendlich weh, dass ich soviel für ihn mache, dass er ein schlechtes Gewissen bekommt und sich dieser innere Konflikt am einfachsten lösen lässt wenn er es vorzieht seine Liebe durch Schimpferei auszudrücken.
Ich bin mir darüber im Klaren.
Und weil ich mir darüber im Klaren bin schaffe ich es auch die meiste Zeit Verständnis für seine Situation zu haben und ihr mit Liebe zu begegnen.
Wenn nicht, ja wenn nicht im Leben einer Frau einige Tage anders wären als andere.
Und man während dieser Tage nervlich nicht ganz so auf der Höhe ist wie sonst.
Dann wird es besonders kompliziert.
Vorgestern habe ich wieder neben ihm gelegen um mich ausschimpfen zu lassen. Doch nach einer gewissen Menge an Vorwürfen und Zurückweisungen hatte ich mich plötzlich nicht mehr im Griff und fing an zu weinen. In seinem Beisein. Im Allgemeinen begegne ich ihm ruhig und freundlich und nicht hektisch und hysterisch - aber plötzlich fing ich an zu weinen - und dann artete die ganze Situatiion komplett aus, weil er sofort Schuldgefühle bekam. Schuldgefühle für seine Situation und meine Situation! Das Schlimmste war eingetreten was nur eintreten kann. Hilfe - wie komme ich aus dieser Nummer wieder raus?
Ich rannte hinaus und das war besonders gemein, denn er konnte mir ja nicht hinterher. Also fing auch er an zu weinen. Ich ging dann wieder zurück. Schnaufend -mit aller Bitte an meine Engel meine Kraft jetzt und sofort aufrecht zu erhalten. Und er sagte mir, ich hätte ja bald meine Ruh - er lebe ja eh nur noch ein paar Tage...! Oh wie schlimm war das. Doch nicht so - so sollte doch nicht unser Abschied sein?
Ein Leben im Abschied ist ganz schön kompliziert, vor allem an einigen Tagen.
Seit dem er ganz ans Liegen gekommen ist, habe ich mich vielleicht etwas zu sehr übersehen. Mir ist klar geworden, dass ich bei all dem Kummer und der Angst und der Unruhe ihn zu verlassen, dennoch ein paar Momente für mich haben muss. Manchmal reicht ein kurzer Spaziergang oder ein Kaffee oder Tee in Ruhe. Oder einfach die Zeit in der ich dieses Blog schreibe.
Diese Zeit tut mir sehr gut. Teilweise hat er mir Vorwürfe gemacht dafür, dass ich ja nie da sei. Manchmal auch wenn ich Dinge für ihn erledigte oder versuchte meinem Leben im Studium gerecht zu werden.
Ich brauche Erholungsmomente für mich, sonst bin ich garnicht fähig mein Herz offen zu halten. Beim besten Willen nicht.
So bin ich gestern auch wieder zum Pilates gegangen. Seit Wochen war ich nicht dort, zu groß war meine Unruhe gewesen.
Es ist alles ein Prozess - aber in der Ruhe liegt die Kraft. Nur sie zu finden ist nicht immer so ganz leicht.
Und so habe ich auch an dieser furchtbaren Eskalation wieder etwas gelernt.
Vielleicht er auch, denn seit gestern hat er mich scheinbar wieder etwas lieber! :)
Freitag, Oktober 19, 2007
Leidleben
Unerträglich zerreisst es mir das Herz Dich so leiden zu sehen. Wie lange muss ich es noch sehen - wie lange musst Du noch so liegen?
Die Ärztin war eben nochmal da - auch sie konnte es nicht mit ansehen und sie hat seine Medikation wieder erhöht und ihm gleich in die noch vorhandene Infusion noch eine weitere Ampulle Ketanest gespritzt. Jetzt bekommt er 3 Ampullen Ketanest und 0,75 Diazepam! Ich hoffe er schläft jetzt ein wenig.
Manchmal schafft er es garnicht richtig einzuschlafen vor Schmerzen. Der Krebs scheint sich jetzt explosionsartig zu vermehren. Vor zwei Tagen bekam er erst auf 2 Ampullen Ketanest erhöht und gestern war es besser mit den Schmerzen - heute ist es wieder schlimmer.
An den Ellenbogen und am Knie haben sich jetzt Beulen gebildet durch die Knochenmetastasen. Im Kopf scheint auch etwas zu wachsen was jetzt seit einigen Tagen Hör- und Sehnerv abdrückt.
Eine falsche Bewegung und selbst das Hand halten schmerzt ihn auch. Auch wenn ich kalte Hände habe schmerzt es ihn. Komischerweise habe ich die letzten Tage immer kalte Hände. Mein Energiehaushalt stimmt überhaupt nicht. Sonst waren sie immer warm durch regelmäßiges Qi Gong üben oder Reiki geben. Seit einigen Tagen funktioniert das bei mir nur noch mit Mühe und Not. Muss mch erst 10 min in die Kiefer stellen bevor hier wieder irgendwas anfängt zu fließen. Meine Energie ist vermutlich im Keller.
Er ist nicht mehr in der Lage sein Bein selbtändig zu heben und zu senken - daher bittet er mich alle 5 min um Hilfe da ihn das Bein schmerzt. Man kann im Grunde nix tun. Man möchte ihm helfen es anders zu legen, ganz langsam muss das dann vor sich gehen sonst schreit er vor Schmerzen. Und die Schreie sind kaum zu ertragen in meiner Seele.
Oh ist das schlimm - oh bitte holt ihn ab. Holt ihn ab. Das geht nicht mehr so weiter. Weiter? Es wird tagtäglich schlimmer! Oh wenn ich doch nur helfen könnte?
Im Moment ist sterben alles andere als friedlich!
Die Ärztin war eben nochmal da - auch sie konnte es nicht mit ansehen und sie hat seine Medikation wieder erhöht und ihm gleich in die noch vorhandene Infusion noch eine weitere Ampulle Ketanest gespritzt. Jetzt bekommt er 3 Ampullen Ketanest und 0,75 Diazepam! Ich hoffe er schläft jetzt ein wenig.
Manchmal schafft er es garnicht richtig einzuschlafen vor Schmerzen. Der Krebs scheint sich jetzt explosionsartig zu vermehren. Vor zwei Tagen bekam er erst auf 2 Ampullen Ketanest erhöht und gestern war es besser mit den Schmerzen - heute ist es wieder schlimmer.
An den Ellenbogen und am Knie haben sich jetzt Beulen gebildet durch die Knochenmetastasen. Im Kopf scheint auch etwas zu wachsen was jetzt seit einigen Tagen Hör- und Sehnerv abdrückt.
Eine falsche Bewegung und selbst das Hand halten schmerzt ihn auch. Auch wenn ich kalte Hände habe schmerzt es ihn. Komischerweise habe ich die letzten Tage immer kalte Hände. Mein Energiehaushalt stimmt überhaupt nicht. Sonst waren sie immer warm durch regelmäßiges Qi Gong üben oder Reiki geben. Seit einigen Tagen funktioniert das bei mir nur noch mit Mühe und Not. Muss mch erst 10 min in die Kiefer stellen bevor hier wieder irgendwas anfängt zu fließen. Meine Energie ist vermutlich im Keller.
Er ist nicht mehr in der Lage sein Bein selbtändig zu heben und zu senken - daher bittet er mich alle 5 min um Hilfe da ihn das Bein schmerzt. Man kann im Grunde nix tun. Man möchte ihm helfen es anders zu legen, ganz langsam muss das dann vor sich gehen sonst schreit er vor Schmerzen. Und die Schreie sind kaum zu ertragen in meiner Seele.
Oh ist das schlimm - oh bitte holt ihn ab. Holt ihn ab. Das geht nicht mehr so weiter. Weiter? Es wird tagtäglich schlimmer! Oh wenn ich doch nur helfen könnte?
Im Moment ist sterben alles andere als friedlich!
Donnerstag, Oktober 18, 2007
Mit dem Abschied leben

Ein Leben im Abschied bringt Höhen und Tiefen, Freude und Trauer.
Ich habe die vergangenen drei Tage alles davon erlebt. Tief traurig erkannte ich die vollkommene Schönheit im Leben und im einfachen Sein - und gleichzeitig versuchte ich in anderen Momenten besondere Zeiten besonders normal werden zu lassen.
So dränge es mich z.B. vorgestern dazu mir einen neuen Haarschnitt schneiden zu lassen. Warum weiss ich nicht? Wie ist das mit den Frauen und den neuen Haarschnitten die neue Lebensphasen ankündigen? Ob das so ist wird sich zeigen - vielleicht aber wollte ich auch nur einfach mal was herrlich normales tun.
Wie seit langem schon nicht mehr.
Mein Leben und vorallem mein Erleben sind schon lange nicht mehr normal. Manchmal fällt es mir auf, wenn ich durch die Strassen gehe und die Leute beobachte. Dann grübele ich darüber wie diese Menschen gerade die Welt sehen?
Gibt es gerade Dinge ín ihrem Leben die sie in ihrer Seele grundlegend verändert?
Einige schneiden die Hecken oder nutzen den goldenen Oktobernachmittag dazu in ihren Gärten zu grillen. Andere haben es eilig in ihren Autos, sie hupen und schimpfen an der Ampel. Ich weiss nicht wievielen von ihnen wirklich bewusst ist, dass nur einen kurzen Moment später das ganze Leben grundlegend anders sein kann und nie wieder so wird wie es war?
Manchmal wenn ich dann so darüber nachdenke, wird mir bewusst wie großartig die Zeit doch jetzt ist in der ich hier und jetzt leben darf. Sie ist tatsächlich großartig. Ein anderes Wort fällt mir dazu nicht ein - um nichts in der Welt möchte ich auf sie verzichten! Wenngleich sie auch noch so schwer ist und noch so viel Leid bringt, bringt sie gleichzeitig vollkommene Schönheit und Wachstum.
Ja - es ist schön, wenn Du erkennst was wichtig ist im Leben. Und es ist schön, wenn Du erkennst wer Du bist und was die Welt im Innersten zusammenhält.
Irgendwann habe ich mal einen schönen Satz gelesen:
"Probleme sind nur die Verpackung von einem viel größeren Geschenk - der Erkenntnis."
Die Erkenntnis ist das was ewig bleibt. Durch Erkenntnis findet man Sinn! Wie könnte ein Leben lebenswerter sein - als wenn man es sinnvoll lebt?
Bei all dem Vertrauen darauf dass ich auch hier den Sinn irgendwann erkennen werde - bleibt die Zeit jetzt dennoch schwer. So schwer, dass ich manchemmal nicht weiss wie ich weiter atmen soll? So schwer, dass es mir die Luft und das Herz abschnürt und ich erkenne das meine wahre Herausforderung darin liegt es offen zu halten - jederzeit.
Denn dann wird die grenzenlose Liebe spürbar. In jedem Moment. Und die Liebe ist die vollkommene Brücke zu jener Wahrheit die jenseits des rationalen Verstandes liegt.
Montag, Oktober 15, 2007
Der Kranke und sein Bestes
Ohne Zweifel - als pflegende Angehörige möchte man nur das Beste für den geliebten Kranken. Doch was ist das Beste? Eine optimale medizinische Versorgung? Sorge für das leibliche Wohl? Ebenfalls genauso für das Wohl von Geist und Seele? Den Kranken und Sterbenden auch weiterhin noch in seiner Rolle wertschätzen, achten und respektieren?
Garnicht so leicht - vorallem wenn sich die einzelnen Vorsätze auch noch zu widersprechen und gegenseitig auszuschließen scheinen.
Heute habe ich es geschafft mein Herz offen zu halten und war innerlich schon erheblich ruhiger als die letzten Tage. Ich habe es geschafft, ihm die Hand zu halten und liebevoll mit ihm zu erzählen und zu atmen. Ich hatte nicht mehr das Bedürfnis das Zimmer verlassen zu müssen. Auch nach Zurückweisungen und Vorwürfen verschloss ich mich nicht. Mein Herz war heute weit und líchtvoll genug um in jeder Sekunde zu erkennen, dass er mich garnicht meint sondern nur sein unerträglicher Zustand durch ihn spricht.
Dafür aber, habe ich heute einen weiteren großen Fehler begangen. Einen - an den ich zuvor nie gedacht hatte. Ich geriet in Konflikt mit dem Kranken und sein Bestes.
Mein Vater lehnt alles ab. Er lehnt das Pflegebett ab mit einer Wechseldruck-Matratze gegen einen Dekubitus. Er lehnt aber auch Felle und die passenden medizinischen Unterlagen ab. Alle gefallen ihm nicht, sind unbequem und hart. Ohne hält er es jedoch auch nicht aus und von mir wird vorwurfsvoll verlangt dass ich eine Matte finde, die vermutlich erst noch erfunden werden muss.
Weil sein Gesäß und die Hüfte bereits stark gerötet sind bestellte die Schwester die tagtäglich kommt um ihn zu versorgen - gute Unterlagen. Ligasano gegen Wundliegen. Sie sind etwas schaumstoffähnlich. Ok - vielleicht tatsächlich etwas kratzig wenn man empfindlich ist - aber wenn man mit der flachen Hand drauf drückt merkt man sehr gut, dass der Druck optimal verteilt wird.
Ich habe Sorge dass Papa sich ganz auf liegt und habe es gemeinsam mit der Schwester für ihn untergeschoben -
obwohl er nicht einverstanden war.
Oh wie schlecht fühle ich mich? Wie konnte ich mich gegen seinen Willen hinwegsetzen , nur für sein Bestes? Wie kann ich glauben, ich wüsste was das Beste für ihn sei? Bei aller Sorge und Vernunft - um die geht es nicht.
Auch hier - geht es wieder ums Loslassen.
Ich muss es los lassen. Ihn lassen - meinen Kopf raus lassen und mein Herz sprechen lassen!
Nur das Herz kann das Wesentliche sehen. Das weiss ich doch? Wieso lasse ich immer wieder zu dass mein Kopf die Stimme des Herzens übertönt?
Wie konnte ich mich so dermaßen über ihn hinwegsetzen - über das Einzige was ihm noch an Autonomie geblieben ist? Seiner Ablehnung?
Die Wertschätzung und der Respekt dem persönlichen Willen Sterbenden gegenüber sollten immer an erster Stelle stehen. Jetzt tut es mir leid.
Ich wollte nur sein Bestes!
Garnicht so leicht - vorallem wenn sich die einzelnen Vorsätze auch noch zu widersprechen und gegenseitig auszuschließen scheinen.
Heute habe ich es geschafft mein Herz offen zu halten und war innerlich schon erheblich ruhiger als die letzten Tage. Ich habe es geschafft, ihm die Hand zu halten und liebevoll mit ihm zu erzählen und zu atmen. Ich hatte nicht mehr das Bedürfnis das Zimmer verlassen zu müssen. Auch nach Zurückweisungen und Vorwürfen verschloss ich mich nicht. Mein Herz war heute weit und líchtvoll genug um in jeder Sekunde zu erkennen, dass er mich garnicht meint sondern nur sein unerträglicher Zustand durch ihn spricht.
Dafür aber, habe ich heute einen weiteren großen Fehler begangen. Einen - an den ich zuvor nie gedacht hatte. Ich geriet in Konflikt mit dem Kranken und sein Bestes.
Mein Vater lehnt alles ab. Er lehnt das Pflegebett ab mit einer Wechseldruck-Matratze gegen einen Dekubitus. Er lehnt aber auch Felle und die passenden medizinischen Unterlagen ab. Alle gefallen ihm nicht, sind unbequem und hart. Ohne hält er es jedoch auch nicht aus und von mir wird vorwurfsvoll verlangt dass ich eine Matte finde, die vermutlich erst noch erfunden werden muss.
Weil sein Gesäß und die Hüfte bereits stark gerötet sind bestellte die Schwester die tagtäglich kommt um ihn zu versorgen - gute Unterlagen. Ligasano gegen Wundliegen. Sie sind etwas schaumstoffähnlich. Ok - vielleicht tatsächlich etwas kratzig wenn man empfindlich ist - aber wenn man mit der flachen Hand drauf drückt merkt man sehr gut, dass der Druck optimal verteilt wird.
Ich habe Sorge dass Papa sich ganz auf liegt und habe es gemeinsam mit der Schwester für ihn untergeschoben -
obwohl er nicht einverstanden war.
Oh wie schlecht fühle ich mich? Wie konnte ich mich gegen seinen Willen hinwegsetzen , nur für sein Bestes? Wie kann ich glauben, ich wüsste was das Beste für ihn sei? Bei aller Sorge und Vernunft - um die geht es nicht.
Auch hier - geht es wieder ums Loslassen.
Ich muss es los lassen. Ihn lassen - meinen Kopf raus lassen und mein Herz sprechen lassen!
Nur das Herz kann das Wesentliche sehen. Das weiss ich doch? Wieso lasse ich immer wieder zu dass mein Kopf die Stimme des Herzens übertönt?
Wie konnte ich mich so dermaßen über ihn hinwegsetzen - über das Einzige was ihm noch an Autonomie geblieben ist? Seiner Ablehnung?
Die Wertschätzung und der Respekt dem persönlichen Willen Sterbenden gegenüber sollten immer an erster Stelle stehen. Jetzt tut es mir leid.
Ich wollte nur sein Bestes!
Sonntag, Oktober 14, 2007
Mit dem Herzen sehen...
Mit dem Herzen zu sehen ist garnicht so leicht wie man oftmals denkt, wenn man den Satz so lapidar daher sagt. Jeder weiss sicher was damit gemeint ist - der inneren Stimme zu folgen und sein Herz zu öffnen - jedoch will man manchmal genau das rechte tun und tut das Gegenteil.
Mein guter Vorsatz gestern jetzt zu versuchen die Ruhe im Sterbezimmer einkehren zu lassen hat - ausser in dem Bewusstsein dass es richtig wäre - nicht viel gebracht.
Zumindest blieb ich heute weiterhin unfähig. Denn das Bewusstsein ist es nicht - Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung nicht wahr? Einsicht ist der erste Schritt zur Erkenntnis. Besser als nichts - jedoch erkannte ich heute, dass ich den Kopf raus lassen muss. Mein Herz ist schuld! Nicht mein Bewusstsein.
Weil mein Herz das Leid meines geliebten Vaters nicht länger ertragen konnte, hat es sich vor ihm verschlossen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich eigentlich will und fühle. Warum nur ist man so unfähig? So unfähig Sterbende gehen zu lassen. Man ist unfähig - jedenfalls ich bin es - ohnmächtig zu sein. Die Ohnmacht ist ein ziemlich überwältigendes Gefühl. Wie ist das mit der Suppe die man Kranken hinstellt? Oder die bittere Medizin die man ihnen reicht damit sie wieder gesund werden? Was ist - wenn sie nicht mehr gesund werden?
Der Verstand sagt so vieles und weiss so vieles - aber das auch im Herzen zu sehen stellt eine ganz eigene Herausforderung dar.
Wir haben uns dafür entschieden ihn palliativ zu begleiten. Wir haben eingesehen, dass nichts mehr hilft. Wir haben eingesehen, dass jeder Versuch sein Leben zu verlängern sein Leiden verlängert. Und ich kämpfe an vorderster Front gegen jene die sagen, man sollte ihn künstlich ernähren lassen. Nein - das machen wir nicht. Das haben wir eingesehen!
Und doch wird es jetzt ernst - auch im Herzen!
Wenn die Decke schon zu hart ist und sein dürres mit Krebs übersähtes Knochengerüst quält. Jede Bewegung, jede unbequeme Drehung des Körpers zu schmerzvollem Schreien führt. Wenn man versucht es ihm etwas erträglicher zu machen und nichts hilft, wenn er wütend ist über sich und die anderen und die Situation, dass er Dir sagt, alles was Du tust sei falsch und Du Dich dann auch noch nach dem 10ten Mal anfängst zu streiten. Wenn er um Hilfe bittet und Dich alle 5 Minuten ruft und Du überhaupt nicht helfen kannst und schon beginnst die Augen zu verdrehen weil Du es nicht schaffst stark zu sein.
Weil Du genervt bist über Dich selbst.
Weil Du überhaupt nicht weisst was zu tun ist? Raus rennst um durchzuatmen, weil Du es keine Sekunde mehr aushältst im Zimmer ohne zu schreien. Und das Alleinlassen das Schlimmste ist, was Du einem Sterbenden antun kannst - ist es Zeit mit dem Herzen und sonst nichts anderem zu sehen.
Das habe ich heute erkannt. Der Verstand mit dem man plant, organisiert, denkt ist am Ende angelangt. Es gibts nichts was hilfreich wäre. Alles was bleibt ist das Herz was man verschließen kann oder öffnen.
Die Schwester hat ihn heute morgen waschen wollen - doch er wollte nicht. Ich hielt es für das Beste wenn er gewaschen würde - doch mir wurde klar, dass seine Ablehnung alles ist was er noch hat. Er will nicht in das Pflegebett obwohl das viel besser wäre gegen einen möglichen Dekubitus. Er will eine perfekte Auflage von mir die weich ist die er unter seinen schon von Druckstellen schmerzenden Steiß legen könne - alle die ich bisher besorgt habe, mit ärztlicher Absprache und ohne - waren falsch. Sie waren immer ein Grund zu schimpfen - jedesmal, als würde ich absichtlich die falschen Auflagen mitbringen damit er leiden muss. Er lehnt es ab. Vielleicht lehnt er es ab, weil die Ablehnung die einzige Form der Autonomie ist die er noch besitzt?
Wie kann ich mir anmaßen zu glauben, ich wüsste was das Beste für ihn sei? Selbst wenn ich das Beste will - sind wir jetzt an einem Punkt angelangt wo es darum garnicht mehr geht...!
Heute bin ich wieder eine halbe Stunde an die frische Luft gegangen. Wieder am Friedhof vorbei - ich fühle mich da derzeit sehr wohl. Das ist ein aussergewöhnlich schöner Friedhof. Fast wie ein kleiner Park. Viele Bäume und schöne Wege und besonders schöne Grabsteine von sonniger und friedlicher Atmosphäre beglücken den Ort. Die Energie dort ist einfach wunderbar. Wir haben hier im Ort insgesamt 5 oder 6 Friedhöfe - aber dieser ist der Schönste. Papa hat mir und dem Pastor, den ich kürzlich zu ihm geholt habe, schon erzählt dass er auf genau diesen Friedhof möchte.
Ja, letzte Woche bin ich beim Pastor gewesen. Ich wollte Papa helfen etwas von seiner Wut und seinem Groll loszulassen. Sterbende die Groll in sich haben finden kaum die Ruhe ihr Leben loszulassen. Daher ist es wichtig zu vergeben - anderen, aber vor allem auch sich selbst.
Wie oft hatte mein Papa mir erzählt, dass er den Himmel nicht verdient habe. Dass er ein großer Sünder sei. Er scherte sich sein ganzes Leben nicht sehr um die Kirche - aber gläubig war er deshalb doch. Sehr sogar.
Zeitlebens hatte er eine Antipathie gegen die strengen katholischen Priester seiner Jugendzeit gehegt und fühlte ich nach seiner Scheidung im Jahr 1976 nicht mehr würdig zu kommunizieren. Ich glaube unbewusst hat er sich seit dem als Sünder gefühlt. Seine Gefühle sind gemäß seiner christlichen Erziehung auch recht streng - vor allem - sich selbst gegenüber.
Ich denke es war richtig den Pfarrer zu holen. Er kam und gab ihm die Krankensalbung und redete mit ihm. Der Pastor nahm ihm die Beichte ab und gab ihm die Kommunion. Von Beichte mag man in seiner Wirksamkeit glauben was man will, darum geht es nicht. Alles hat immer die Wirkung die der Sache beigemessen wird - und mein Vater ist in Tränen ausgebrochen. Unentwegt. Er weinte und schluchzte. Er faltete seine dürren Finger zum Gebet - und ich sah wie das Licht Gottes ihn einhüllte. Und wie der Pastor ihm gut tat etwas von seiner (Selbst)Verbitterung loszuwerden.
Es war sehr schön! War es wirklich. Es war wunderschön und ohne Zweifel sehr heilsam für die Seele. Denn wenn der Körper am Ende ist, sind es das Herz und die Seele um das es sich zu kümmern gilt.
Ich muss es schaffen mich zu lösen von diesem ganzen Körperkümmerquatsch.
Das ist nicht so einfach wie man meint, wenn Du zusiehst wie etwas verfällt. Alles ist leichter gesagt als getan.
Was ich jetzt lernen muss, ist - mit dem Herzen zu sehen!
Mein guter Vorsatz gestern jetzt zu versuchen die Ruhe im Sterbezimmer einkehren zu lassen hat - ausser in dem Bewusstsein dass es richtig wäre - nicht viel gebracht.
Zumindest blieb ich heute weiterhin unfähig. Denn das Bewusstsein ist es nicht - Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung nicht wahr? Einsicht ist der erste Schritt zur Erkenntnis. Besser als nichts - jedoch erkannte ich heute, dass ich den Kopf raus lassen muss. Mein Herz ist schuld! Nicht mein Bewusstsein.
Weil mein Herz das Leid meines geliebten Vaters nicht länger ertragen konnte, hat es sich vor ihm verschlossen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich eigentlich will und fühle. Warum nur ist man so unfähig? So unfähig Sterbende gehen zu lassen. Man ist unfähig - jedenfalls ich bin es - ohnmächtig zu sein. Die Ohnmacht ist ein ziemlich überwältigendes Gefühl. Wie ist das mit der Suppe die man Kranken hinstellt? Oder die bittere Medizin die man ihnen reicht damit sie wieder gesund werden? Was ist - wenn sie nicht mehr gesund werden?
Der Verstand sagt so vieles und weiss so vieles - aber das auch im Herzen zu sehen stellt eine ganz eigene Herausforderung dar.
Wir haben uns dafür entschieden ihn palliativ zu begleiten. Wir haben eingesehen, dass nichts mehr hilft. Wir haben eingesehen, dass jeder Versuch sein Leben zu verlängern sein Leiden verlängert. Und ich kämpfe an vorderster Front gegen jene die sagen, man sollte ihn künstlich ernähren lassen. Nein - das machen wir nicht. Das haben wir eingesehen!
Und doch wird es jetzt ernst - auch im Herzen!
Wenn die Decke schon zu hart ist und sein dürres mit Krebs übersähtes Knochengerüst quält. Jede Bewegung, jede unbequeme Drehung des Körpers zu schmerzvollem Schreien führt. Wenn man versucht es ihm etwas erträglicher zu machen und nichts hilft, wenn er wütend ist über sich und die anderen und die Situation, dass er Dir sagt, alles was Du tust sei falsch und Du Dich dann auch noch nach dem 10ten Mal anfängst zu streiten. Wenn er um Hilfe bittet und Dich alle 5 Minuten ruft und Du überhaupt nicht helfen kannst und schon beginnst die Augen zu verdrehen weil Du es nicht schaffst stark zu sein.
Weil Du genervt bist über Dich selbst.
Weil Du überhaupt nicht weisst was zu tun ist? Raus rennst um durchzuatmen, weil Du es keine Sekunde mehr aushältst im Zimmer ohne zu schreien. Und das Alleinlassen das Schlimmste ist, was Du einem Sterbenden antun kannst - ist es Zeit mit dem Herzen und sonst nichts anderem zu sehen.
Das habe ich heute erkannt. Der Verstand mit dem man plant, organisiert, denkt ist am Ende angelangt. Es gibts nichts was hilfreich wäre. Alles was bleibt ist das Herz was man verschließen kann oder öffnen.
Die Schwester hat ihn heute morgen waschen wollen - doch er wollte nicht. Ich hielt es für das Beste wenn er gewaschen würde - doch mir wurde klar, dass seine Ablehnung alles ist was er noch hat. Er will nicht in das Pflegebett obwohl das viel besser wäre gegen einen möglichen Dekubitus. Er will eine perfekte Auflage von mir die weich ist die er unter seinen schon von Druckstellen schmerzenden Steiß legen könne - alle die ich bisher besorgt habe, mit ärztlicher Absprache und ohne - waren falsch. Sie waren immer ein Grund zu schimpfen - jedesmal, als würde ich absichtlich die falschen Auflagen mitbringen damit er leiden muss. Er lehnt es ab. Vielleicht lehnt er es ab, weil die Ablehnung die einzige Form der Autonomie ist die er noch besitzt?
Wie kann ich mir anmaßen zu glauben, ich wüsste was das Beste für ihn sei? Selbst wenn ich das Beste will - sind wir jetzt an einem Punkt angelangt wo es darum garnicht mehr geht...!
Heute bin ich wieder eine halbe Stunde an die frische Luft gegangen. Wieder am Friedhof vorbei - ich fühle mich da derzeit sehr wohl. Das ist ein aussergewöhnlich schöner Friedhof. Fast wie ein kleiner Park. Viele Bäume und schöne Wege und besonders schöne Grabsteine von sonniger und friedlicher Atmosphäre beglücken den Ort. Die Energie dort ist einfach wunderbar. Wir haben hier im Ort insgesamt 5 oder 6 Friedhöfe - aber dieser ist der Schönste. Papa hat mir und dem Pastor, den ich kürzlich zu ihm geholt habe, schon erzählt dass er auf genau diesen Friedhof möchte.
Ja, letzte Woche bin ich beim Pastor gewesen. Ich wollte Papa helfen etwas von seiner Wut und seinem Groll loszulassen. Sterbende die Groll in sich haben finden kaum die Ruhe ihr Leben loszulassen. Daher ist es wichtig zu vergeben - anderen, aber vor allem auch sich selbst.
Wie oft hatte mein Papa mir erzählt, dass er den Himmel nicht verdient habe. Dass er ein großer Sünder sei. Er scherte sich sein ganzes Leben nicht sehr um die Kirche - aber gläubig war er deshalb doch. Sehr sogar.
Zeitlebens hatte er eine Antipathie gegen die strengen katholischen Priester seiner Jugendzeit gehegt und fühlte ich nach seiner Scheidung im Jahr 1976 nicht mehr würdig zu kommunizieren. Ich glaube unbewusst hat er sich seit dem als Sünder gefühlt. Seine Gefühle sind gemäß seiner christlichen Erziehung auch recht streng - vor allem - sich selbst gegenüber.
Ich denke es war richtig den Pfarrer zu holen. Er kam und gab ihm die Krankensalbung und redete mit ihm. Der Pastor nahm ihm die Beichte ab und gab ihm die Kommunion. Von Beichte mag man in seiner Wirksamkeit glauben was man will, darum geht es nicht. Alles hat immer die Wirkung die der Sache beigemessen wird - und mein Vater ist in Tränen ausgebrochen. Unentwegt. Er weinte und schluchzte. Er faltete seine dürren Finger zum Gebet - und ich sah wie das Licht Gottes ihn einhüllte. Und wie der Pastor ihm gut tat etwas von seiner (Selbst)Verbitterung loszuwerden.
Es war sehr schön! War es wirklich. Es war wunderschön und ohne Zweifel sehr heilsam für die Seele. Denn wenn der Körper am Ende ist, sind es das Herz und die Seele um das es sich zu kümmern gilt.
Ich muss es schaffen mich zu lösen von diesem ganzen Körperkümmerquatsch.
Das ist nicht so einfach wie man meint, wenn Du zusiehst wie etwas verfällt. Alles ist leichter gesagt als getan.
Was ich jetzt lernen muss, ist - mit dem Herzen zu sehen!
Samstag, Oktober 13, 2007
Die Unzulänglichkeit der Liebe
In der Sterbebegleitung meines geliebten Vaters seit ungefähr einem Jahr spitzt sich die Lage seit etwa zwei Wochen extrem zu. Während er vorher zwar eigentlich auch nur lag - konnte er jedoch die ganze Zeit über noch sich selbst zur Toilette helfen oder mit dem Badewannenlift gebadet werden. Seit etwa zwei Wochen jedoch nicht mehr und er steht jetzt leider garnicht mehr auf.
3 Tage lang hatte er gebrochen und seitdem ist er zu schwach. Die ganze Zeit über sind wir ohne Pflegedienst ausgekommen. Jetzt kommen sie.
Ich fühle mich erleichtert dass sie jetzt kommen - sonst wär mein Gefühl der Machtlosigkeit und Hilflosigkeit noch größer. Jeden Morgen bekommt er eine Infusion mit Mitteln gegen die Schmerzen und Übelkeit. Gebrochen hat er duch das zusätzliche Medikament nicht mehr. Allerdings nimmt er auch keine Nahrung mehr auf - vielleicht etwa ein Trinkpäkchen Astronautenkost - was immerhin besser ist als nichts!
Das Essen ist lange Zeit mein Problem gewesen. Wenn man als Pflegeperson und nahe Angehörige das Essen einem Kranken reicht, gibt das einem ein so schönes und beruhigendes Gefühl von Helfen. In Konflikte gerät man, wenn das wegfällt und plötzlich nicht mehr gegessen wird. Dann muss man sich damit auseinander setzen wie man weiter hilft? Essen bedeutet Leben. Nicht mehr Essen bedeutet Sterben. Für mich bedeutete das ihn nun loslassen zu müssen, wo ich anfänglich extrem rebellierte.
Er leidet sehr - und je mehr er leidet, desto mehr ertappe ich mich dabei, dass ich mich zurück ziehe. Ohne Zweifel - ich bin da. Ich bin da ihm das Wasserglas zu reichen wozu er zu schwach ist, ihn abends von der Infusion abzustöpseln worin die Schwestern mich angeleitet haben, ihm bei seinen Notdürftigkeiten zu helfen..., aber ich mit meinem Selbst fühle mich viel zu unruhig, ohnmächtig und hilflos um wirklich da zu sein.
Langsam begreife ich, dass es nichts zu tun gibt und man nichts tun könnte was wirklich hilfreich ist. Alles was ich zu tun haben - ist es zu sein. Einfach da zu sein! Doch wie ist man einfach da, wenn man vor sich selbst auf der Flucht ist? Vor dem Gefühl loslassen zu müssen?
Manches mal würde ich am liebsten schreiend das Sterbezimmer verlassen, weil ich unfähig bin einfach da zu sein - obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche in Wahrheit als die letzten Tage/Stunden intensiv zu erleben und ihn zu begleiten - fühle ich mich unzulänglich.
Unzulänglich durch meine Liebe. Unzulänglich weil ich so machtlos bin, weil ich zusehe und mich hilflos fühle.
Die Ereignisse überschlagen sich. Zumindest habe ich derzeit so das Gefühl als täten sie das. Mir bleibt kaum Zeit inne zu halten und durchzuatmen so sehr bin ich damit beschäftigt zu begreifen was hier vor sich geht. Es gibt kaum Phasen im Leben in denen man schneller wächst als wenn der Tod einem begegnet.
Heute bin ich einfach gegangen am Nachmittag und bin eine Stunde spazieren gegangen (in letzter Zeit tat ich mich sehr schwer dabei etwas für mich zu tun) - am Friedhof vorbei. Der Friedhof hatte eine sehr warme friedliche Atmosphäre. Genau die Art von Stille die heute heilsam für mich war. Ich habe die herbstlich goldenen Blätter von den Bäumen fallen sehen und geatmet. Wie wichtig es doch ist inne zu halten und zu atmen? Ich glaube ich habe das erste Mal seit Monaten wieder etwas gesehen. Mir fiel auf, wie die Blätter der Bäume sich alle verfärbt haben an diesem sonnigen Oktobernachmittag. Und ich sah und spürte den Herbst!
Papa ist schon so lange krank - ich glaube ich habe den ganzen Sommer verpasst. Zumindest habe ich ihn nicht wahrgenommen.
Ich habe das inne halten heute gebraucht - ich will mir jetzt Mühe geben die Stille und Ruhe zuzulassen die ein Sterbezimmer mit sich bringt. Ich will versuchen jetzt dabei zu sein und nicht vor mir selbst zu fliehen. Das Schlimmste ist, dass ich auch noch mit meinem Papa stritt. Ich stritt mit ihm weil ich genervt war über meine eigene Unzulänglichkeit.
Die Unzulänglichkeit der Liebe!
3 Tage lang hatte er gebrochen und seitdem ist er zu schwach. Die ganze Zeit über sind wir ohne Pflegedienst ausgekommen. Jetzt kommen sie.
Ich fühle mich erleichtert dass sie jetzt kommen - sonst wär mein Gefühl der Machtlosigkeit und Hilflosigkeit noch größer. Jeden Morgen bekommt er eine Infusion mit Mitteln gegen die Schmerzen und Übelkeit. Gebrochen hat er duch das zusätzliche Medikament nicht mehr. Allerdings nimmt er auch keine Nahrung mehr auf - vielleicht etwa ein Trinkpäkchen Astronautenkost - was immerhin besser ist als nichts!
Das Essen ist lange Zeit mein Problem gewesen. Wenn man als Pflegeperson und nahe Angehörige das Essen einem Kranken reicht, gibt das einem ein so schönes und beruhigendes Gefühl von Helfen. In Konflikte gerät man, wenn das wegfällt und plötzlich nicht mehr gegessen wird. Dann muss man sich damit auseinander setzen wie man weiter hilft? Essen bedeutet Leben. Nicht mehr Essen bedeutet Sterben. Für mich bedeutete das ihn nun loslassen zu müssen, wo ich anfänglich extrem rebellierte.
Er leidet sehr - und je mehr er leidet, desto mehr ertappe ich mich dabei, dass ich mich zurück ziehe. Ohne Zweifel - ich bin da. Ich bin da ihm das Wasserglas zu reichen wozu er zu schwach ist, ihn abends von der Infusion abzustöpseln worin die Schwestern mich angeleitet haben, ihm bei seinen Notdürftigkeiten zu helfen..., aber ich mit meinem Selbst fühle mich viel zu unruhig, ohnmächtig und hilflos um wirklich da zu sein.
Langsam begreife ich, dass es nichts zu tun gibt und man nichts tun könnte was wirklich hilfreich ist. Alles was ich zu tun haben - ist es zu sein. Einfach da zu sein! Doch wie ist man einfach da, wenn man vor sich selbst auf der Flucht ist? Vor dem Gefühl loslassen zu müssen?
Manches mal würde ich am liebsten schreiend das Sterbezimmer verlassen, weil ich unfähig bin einfach da zu sein - obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche in Wahrheit als die letzten Tage/Stunden intensiv zu erleben und ihn zu begleiten - fühle ich mich unzulänglich.
Unzulänglich durch meine Liebe. Unzulänglich weil ich so machtlos bin, weil ich zusehe und mich hilflos fühle.
Die Ereignisse überschlagen sich. Zumindest habe ich derzeit so das Gefühl als täten sie das. Mir bleibt kaum Zeit inne zu halten und durchzuatmen so sehr bin ich damit beschäftigt zu begreifen was hier vor sich geht. Es gibt kaum Phasen im Leben in denen man schneller wächst als wenn der Tod einem begegnet.
Heute bin ich einfach gegangen am Nachmittag und bin eine Stunde spazieren gegangen (in letzter Zeit tat ich mich sehr schwer dabei etwas für mich zu tun) - am Friedhof vorbei. Der Friedhof hatte eine sehr warme friedliche Atmosphäre. Genau die Art von Stille die heute heilsam für mich war. Ich habe die herbstlich goldenen Blätter von den Bäumen fallen sehen und geatmet. Wie wichtig es doch ist inne zu halten und zu atmen? Ich glaube ich habe das erste Mal seit Monaten wieder etwas gesehen. Mir fiel auf, wie die Blätter der Bäume sich alle verfärbt haben an diesem sonnigen Oktobernachmittag. Und ich sah und spürte den Herbst!
Papa ist schon so lange krank - ich glaube ich habe den ganzen Sommer verpasst. Zumindest habe ich ihn nicht wahrgenommen.
Ich habe das inne halten heute gebraucht - ich will mir jetzt Mühe geben die Stille und Ruhe zuzulassen die ein Sterbezimmer mit sich bringt. Ich will versuchen jetzt dabei zu sein und nicht vor mir selbst zu fliehen. Das Schlimmste ist, dass ich auch noch mit meinem Papa stritt. Ich stritt mit ihm weil ich genervt war über meine eigene Unzulänglichkeit.
Die Unzulänglichkeit der Liebe!
Ein paar Worte zum Anfang
Aller Anfang ist schwer. Besonders auch wenn man das Bedürfnis hat Tagebuch zu führen um Ordnung in sich selbst zu schaffen - und man viel zu verwirrt ist um aus dem Knotenwust von Gedanken einen roten Faden zu finden.
Das ist jetzt mein 4. Blog. Seit Sommer hatte ich Blogs eröffnet und war nicht in der Lage anzufangen. Der Name stimmte nie. Es drückte nie etwas auch nur im Ansatz aus von dem was ich eigentlich ausdrücken möchte und jetztwurde mir klar, dass ich garkeinen Anfang mit rotem Faden finden muss bevor ich beginne. Vielleicht kommt der rote Faden ja zu mir, wenn ich einfach nur das Knäuel von Gedankenfäden in die Hand nehme und anfange es herum zu drehen.
Ich habe soviel zu sagen. Soviel Verwirrung und Zerrissenheit sind in mir - gerade in Phasen wie diesen. Kaum eine Phase im Leben wird mehr Gelegenheit zu spirituellem Wachstum bieten als die Phase wenn Du Deine Eltern in den Tod begleitest.
Wenn Du jemanden in den Tod begleitest wird alles unwesentlich was man vorher für wichtig hielt. Wenn Du jemanden in den Tod begleitest bist Du vielleicht sogar in der Lage Dir selbst näher zu kommen, Dein wahres Selbst zu finden und Deinen Weg zu gehen.
Der Tod ist einer der besten Lehrmeister fürs Leben - wenn man ihn zu einem Verbündeten werden lässt.
Und das ist der Weg den ich gerade zu gehen versuche - mit all seinen Höhen, Tiefen, seinem Leid, seiner Trauer, seiner Liebe, seiner vollkommenen Schönheit, seiner Dankbarkeit und nicht zuletzt seiner Verwirrung.
Ausserdem ist Schreiben im Moment sehr heilsam für mich. Es drängt mich geradezu dazu Tagebuch zu führen. Das hilft mir beim erkennen und reflektieren der Situation und meiner Selbst. Denn mit Sterbenden zu arbeiten heisst zuallererst an sich selbst zu arbeiten.
Freunde und Bekannte kommen derzeit viel zu kurz. Wenn Zeiten so turbulent sind wie diese vergehen die Wochen und Monate schneller als der Wind sie verkündet.
Die Zeit zerfließt in einem riesigen Meer von Chaos - wo ich gerade versuche nach Luft zu schnappen.
Ich danke Euch für die Zeit die Ihr Euch nehmt um meine Zeilen zu lesen. Auf diesem Weg habt Ihr die Gelegenheit meine Gedanken und Gefühle, die voller innerer Konflikte beim Loslassen sind, mit zu verfolgen, ohne dass ich mehr Energie aufwenden muss, als ich derzeit dazu in der Lage bin.
Denn alles was hier vor sich geht im Aussen genauso wie in meinem Innern - ist still und leise.
Das ist jetzt mein 4. Blog. Seit Sommer hatte ich Blogs eröffnet und war nicht in der Lage anzufangen. Der Name stimmte nie. Es drückte nie etwas auch nur im Ansatz aus von dem was ich eigentlich ausdrücken möchte und jetztwurde mir klar, dass ich garkeinen Anfang mit rotem Faden finden muss bevor ich beginne. Vielleicht kommt der rote Faden ja zu mir, wenn ich einfach nur das Knäuel von Gedankenfäden in die Hand nehme und anfange es herum zu drehen.
Ich habe soviel zu sagen. Soviel Verwirrung und Zerrissenheit sind in mir - gerade in Phasen wie diesen. Kaum eine Phase im Leben wird mehr Gelegenheit zu spirituellem Wachstum bieten als die Phase wenn Du Deine Eltern in den Tod begleitest.
Wenn Du jemanden in den Tod begleitest wird alles unwesentlich was man vorher für wichtig hielt. Wenn Du jemanden in den Tod begleitest bist Du vielleicht sogar in der Lage Dir selbst näher zu kommen, Dein wahres Selbst zu finden und Deinen Weg zu gehen.
Der Tod ist einer der besten Lehrmeister fürs Leben - wenn man ihn zu einem Verbündeten werden lässt.
Und das ist der Weg den ich gerade zu gehen versuche - mit all seinen Höhen, Tiefen, seinem Leid, seiner Trauer, seiner Liebe, seiner vollkommenen Schönheit, seiner Dankbarkeit und nicht zuletzt seiner Verwirrung.
Ausserdem ist Schreiben im Moment sehr heilsam für mich. Es drängt mich geradezu dazu Tagebuch zu führen. Das hilft mir beim erkennen und reflektieren der Situation und meiner Selbst. Denn mit Sterbenden zu arbeiten heisst zuallererst an sich selbst zu arbeiten.
Freunde und Bekannte kommen derzeit viel zu kurz. Wenn Zeiten so turbulent sind wie diese vergehen die Wochen und Monate schneller als der Wind sie verkündet.
Die Zeit zerfließt in einem riesigen Meer von Chaos - wo ich gerade versuche nach Luft zu schnappen.
Ich danke Euch für die Zeit die Ihr Euch nehmt um meine Zeilen zu lesen. Auf diesem Weg habt Ihr die Gelegenheit meine Gedanken und Gefühle, die voller innerer Konflikte beim Loslassen sind, mit zu verfolgen, ohne dass ich mehr Energie aufwenden muss, als ich derzeit dazu in der Lage bin.
Denn alles was hier vor sich geht im Aussen genauso wie in meinem Innern - ist still und leise.
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