Mittwoch, November 14, 2007

Zwänge

Ich weiss noch nichtmal wo mir der Kopf gerade steht und finde daher keine Worte. Ich bin so überbelastet mittlerweile - ich pfeife auf meinem letzten Loch. Meine Erkältung die letzte Woche schon besser war, ist plötzlich wieder schlimmer und ich muss sagen - mir geht es einfach nur beschissen!

Beim Vortrag über Nahtoderlebnisse war ich natürlich nicht - sowas ist mir zur Zeit nicht vergönnt.

Anders kann ich derzeit nicht sagen. Es ist soviel Chaos, Leid und Wahnsinn - ich weiss schon nicht mehr welche Rolle ich in diesem ganzen Affentheater spiele?

Vorallem die psychische Belastung macht mir mittlerweile zu schaffen, neben all den alltäglichen Dingen wie Bankgeschäfte, Einkäufe, Rentenantrag usw. was für meinen Vater weiter laufen muss und was ich nun doppelt erledige, denn mich gibts ja (fast unglaublicherweise) auch noch.

Und dann nicht nur die psychische Belastung der Tatsache DASS Papa stirbt, sondern auch das WIE Papa stirbt. Es ist Wahnsinn -

- im wahrsten Sinne des Wortes.


Mein lieber Vater - wo bist Du hin?

Wo bist Du, der immer Verständnis für mich hatte? Der mir zuhörte und mir Ratschläge gab? Warum ist nichts mehr davon zu erkennen? Es ist als ob Deine Person ausgewechselt sei - schon jetzt.

Und im Schmerz des Abschieds wird mir klar - dass Du schon lange fort bist. Das was geblieben ist, abgesehen von der schmerzenden Hülle des Körpers, ist nicht mehr das, was ich kannte. Selbst Deine Seele ist nicht mehr die die ich kannte.

Das schockiert mich zutiefst.

Wie kannst Du mich, wo Du Dich doch immer so um mich gesorgt hast, zwingen wollen Dir immer mehr Schmerzmittel zu geben? Ich hätte Dir das Ketanest nie spritzen dürfen, das war der Freifahrtsschein für Dich, mich dazu zwingen zu wollen.

Du weisst ja garnicht wie fertig ich bin. Wie kaputt, wie müde, wie seelisch und körperlich erschöpft. Und es ist gemein von Dir, bei allem Verständnis für Deinen Schmerz mich so unter Druck zu setzen. Mir zu sagen, dass wenn ich Dir nicht mehr Schmerzmittel spritze, dann würde ich Dich nicht lieben. Oder dann würdest Du dem 18-jährigen Stiefbruder sagen er solle es machen und ob ich das dann verantworten will?

Mich 1000 Mal anzurufen, meinen Freund anzurufen als Du von mir ein klares Nein erfuhrst - aber Du trotzdem keine Hilfe durch Ärtze und Notdienste haben wolltest?

Ich bin froh, dass ich trotzdem den Bereitsschaftsdienst des Pflegedienstes nachts um 23 Uhr gerufen habe, ich sah keine andere Möglichkeit mehr.

Dann bekamst Du mehr Schmerzmittel - doch die reichen Dir nicht. Du willst noch mehr und mehr. Und die Ärztin ist auch mittlerweile der Ansicht dass das psychisch bei Dir ist, denn Du bekommst schon soviel - Du bekommst schon 200 mg Ketanest. Wieviel willst Du noch? Du sollst keine Schmerzen haben - aber müssen wir nicht eher den Schmerz Deiner Seele heilen? Doch wie - Du bist einfach nur wahnsinnig. Wie oft beschimpfst Du mich jetzt wüst - beschimpfst mich als Arschloch usw usw - meinst Du das wirklich ernst.

Ich weiss dass Du es nicht ernst meinst und dass es vermutlich an Deiner Krankheit liegt - aber es macht mich fertig.

Du mich gestern noch bis 2 Uhr nachts beschäftigt! Warum bist Du so aggressiv und wo kommt denn Dein plötzlicher Kontrollwahn her?

Dauernd müssen wir nun mit dem Zollstock den Pegelstand der Infusionsflasche messen. Das muss jetzt eingetragen und auf einem Zettel mit Uhrzeit dokumentiert werden. Auf Deinem Bett muss ein bestimmtes Regelwerk liegen - Die Handtücher müssen exakt mit der "Rundphase" weiss der Geier was das ist, übereinander gefaltet auf Deinem Bett liegen?

Als ich dann um halb drei endlich zu Hause im Bett lag, klingelte das Telefon wieder sturm und Du warst dran. Du musstest wissen wie das Schmerzmittel heisst und es konnte nicht bis zum nächsten Morgen warten? Schläfst Du eigentlich überhaupt noch? Du bist immer wach. Du nimmst auch keine Rücksicht mehr, weder auf mich noch auf Dein weiteres Umfeld. Was ist denn nur geschehen?

Dein Verhalten ist neurotisch und aggressiv. Ich wollte Dir ermöglichen zu Hause zu sterben, aber wenn das so weiter geht - ist das für mich/uns nicht mehr schaffbar.

Bei aller Liebe - wo hat das seine Grenze? In wieweit erfüllt man dem Sterbenden Wünsche und ab wo geht der Wahnsinn los?

Heute Abend kommt die Ärztin und stellt Dich neu ein - mit Ketanest, Diazepam - und ab heute Abend sollst Du noch Haldol bekommen.

Es tut mir leid, denn Du weisst noch nichts davon. Es tut mir so leid, dass ich Dir Haldol antun muss - ich schaffe es einfach nicht mehr.

Es schmerzt mich so sehr, dass unsere normalen Gespräche vorbei sind - ein für allemal in diesem Leben!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Hallo,
habe über dein Kondor-Profil hierhergefunden und lese hier etwas mit.
Danke fürs Teilhaben lassen! Ich glaube, wer das nicht selbst erlebt kann sich die Intensität nicht vorstellen.
Einer gute Freundin von mir geht´s grade ähnlich mit ihrem Vater, gerade auch was die Beschimpfungen angeht. Was bleibt außer es zu erleiden???
ganz lieben Gruß
Daisy